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Ich + Ich in Trier: Er, der Hamster und die Sehnsucht nach dem Leben

Ich + Ich in Trier: Er, der Hamster und die Sehnsucht nach dem Leben

Mit der Tour "Gute Reise 2010" hat Ich + Ich nach 2008 zum zweiten Mal Trier besucht. Kamen vor eineinhalb Jahren noch 2000 Fans zum Konzert, sang Adel Tawil dieses Mal vor 6000 begeisterten Menschen.

Trier. Mit der deutschen Popmusik ist das so eine Sache. Emotionen sind leichter auszudrücken, unmittelbarer und, natürlich, auch verständlicher. Das sagen zumindest die, die auf Deutsch singen. So wie Adel Tawil von Ich + Ich. In der Muttersprache zu singen, kann aber auch eine Krux sein. Dann nämlich, wenn die Fans stärker als gewöhnlich auf den Text achten und statt "Es tobt der Hass, da vor meinem Fenster" plötzlich "Es tobt der Hamster" verstehen. Andererseits: Es sind schon sinnlosere Texte in der Geschichte der deutschen Popmusik geschrieben worden. Immerhin hat Tawil damit eine Ankündigung für seinen Hit "Pflaster": "In diesem Lied geht es nicht um Hamster!"

Nein, bei Ich + Ich dreht es sich nicht um solch banale Dinge wie Haustiere, sondern um Größeres: das Leben, die Liebe und all die schönen Dinge. Und genau das ist Erfolgsgeheimnis des Duos Adel Tawil und Annette Humpe (die aber nie mit auf Tour geht - unter anderem wegen ihres Lampenfiebers): Ihre Texte sprechen jeden an. Auch jene, die es nie zugeben würden. Weil jeder früher oder später, mal mehr, mal weniger, von der großen Sehnsucht gepackt wird. Dieses Vereinende macht sich auch beim Publikum in der Arena Trier bemerkbar: Da singt der 70-jährige Opa mit der fünfjährigen Enkelin in trautem Einklang "Wir sind vom selben Stern" oder "So soll es sein, so kann es bleiben". Und auch Tawil steht in Trier der Sinn nach Familie: Er entschuldigt sich für die kurze Pause und umarmt seine "Mama, die extra den weiten Weg von Berlin hierher gemacht hat" - wie auch sein Vater und die Geschwister.

Apropos Berlin: "Vor etwa zwei Jahren waren wir schon mal hier in Trier" (damals allerdings noch vor 2000 Menschen in der Europahalle). Ausgebuht worden sei er, als er stolz vom Sieg seiner Hertha berichtet habe. "Und heute? Nur noch Mitleid, weil wir absteigen." Betretenes Schweigen in Trier. Da hat Tawil wohl niemand verraten, dass Berlin und Trier etwas gemeinsam haben: den letzten Tabellenplatz ihrer Fußballclubs.

Das Geheimnis seines Erfolgs: eine tolle Live-Stimme



Tawil begeistert das Publikum in Trier vor allem durch zwei Dinge: seine schöne, unglaublich warme Stimme und ganz viel sympathische Natürlichkeit. Er sucht den Kontakt zu seinen Fans, klatscht die erste Reihe ab, singt einige Lieder auf einer Bühne im hinteren Teil der Arena, "weil wir euch von da vorne gar nicht erkannt haben", und gibt nach dem Konzert draußen vor der Halle geduldig Autogramme.

Er gibt zu, manchmal zu lange mit seinen Jungs um die Häuser zu ziehen und rät den Männern im Publikum, zur Entschuldigung bei der Angebeteten sein Lied "Es tut mir leid" in den CD-Spieler zu legen - "das funktioniert, wenigstens einen Joker habt ihr damit".

Ob eine zu lange Nacht außer Haus auch die Motivation für das orientalisch angehauchte Lied "Yasmine" vom neuen Album "Gute Reise" war, bleibt das Geheimnis des Berliners mit ägyptisch-tunesischer Abstammung. Geschrieben hat er es jedenfalls für seine Verlobte, die Schauspielerin Jasmin Weber ("Gute Zeiten, Schlechte Zeiten"). In Trier widmet er es aber ganz großzügig allen Frauen. Und da merkt man es dann doch: Tawil ist nicht bloß der nette Junge von nebenan, sondern ein Popstar. Aber einer, der ganz sicher nie über Hamster singen wird.