"Ich trete zurück"

Es war einer der letzten Bühnenauftritte des zornigen Kabarett-Meisters: Mehr als 500 Zuschauer haben Georg Schramm im Theater in Esch-sur-Alzette mit stehendem Applaus zu seinem Programm "Meister Yodas Ende" und zugleich zu seiner 25-jährigen Bühnenkarriere gratuliert.

Esch-sur-Alzette. Als außerordentlich konzentriert lobt Georg Schramm das Publikum im Theater Esch-sur-Alzette am Ende seines Auftritts. Konz entration war bei Schramms Programm wie immer sehr vonnöten. Er belässt es nicht dabei, mit prägnanten Pointen Lacher zu generieren. Seine polemischen Sturmangriffe werden mit Fakten, mit historischen Verweisen, mit Analysen, mit Zitaten untermauert.
Wie jenem, das er Papst Gregor dem Großen zuordnet: "Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht." Heute sei die "Kernenergie des Bösen" die Habgier, lässt Schramm sein Alter Ego, den grimmigen altpreußischen Rentner Lothar Dombrowski, ausführen. Die Habgier wiederum sei nur durch den flüchtigen Moment des Erwerbs, nicht aber durch Besitz zu stillen. Schlussfolgerung: "Die Habgier regiert uns."
Zu Georg Schramm zu gehen heißt, eine Lehrstunde zu besuchen. Der Zuschauersaal wird zum Auditorium maximum - allerdings gefüllt mit Senioren-Studenten. Zumindest ordnet der Kriegsversehrte Dombrowski sein Publikum jener Generation zu, die auf die "Zielgrade des Lebens eingebogen" ist. Er begrüßt sie als Besucher seiner Selbsthilfegruppe "Altern heißt nicht trauern". Und fordert sie immer wieder inständig auf, doch endlich die Bedeutung des Zorns als zentrale Gestaltungskraft der menschlichen Zivilisation zu begreifen.
Knapp dreieinhalb Stunden bearbeitet Schramm sein Publikum. Dann ist Schluss. Georg Schramm, der verzweifelt Zornige, geht. "Zum 31. Dezember 2013 werde ich aufhören, als Solo-Kabarettist auf Tour zu gehen", verkündete er bereits letztes Jahr. Mit ihm gehen auch all seine Figuren, die er in seiner 25-jährigen Bühnenkarriere geschaffen hat und mit denen er seinem Zorn Ausdruck verlieh.
Habgierige Investmentbanker


Seinen Zorn über habgierige Investmentbanker. Über die intellektuelle Wüste. Über die verklausulierte Sprache der Herrschenden, deren Ziel die Nichtweitergabe von Informationen sei. Und vielleicht auch über sein treues Publikum, das er immer wieder zurechtweisen muss, ihn nicht durch das Zusammenpatschen der Hände aus dem Konzept zu bringen.
"Wiederschauen", sagt Oberstleutnant Sanftleben nach seinem Referat über Fremd- und Eigenblutfluss in Afghanistan. "Jetzt mach ich mich fott", sagt der Schrebergärtner und ewige Sozialdemokrat August. "Ich trete zurück", sagt der Selbsthilfegruppen-Vorsitzende Dombrowski.
Das Publikum in Esch dankt ihnen allen mit stehendem Applaus. Georg Schramm bittet sie, noch einen Moment länger stehen zu bleiben. Zum Gedenken an seinen in der Nacht zu Mittwoch verstorbenen Kabarettkollegen Dieter Hildebrandt. Und tritt ab.