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"Ich will, dass der ganze Mensch tanzt"

Mit ihren Stücken will sie die Zuschauer in Bauch und Herz treffen: Susanne Linke, Pionierin des deutschen Tanztheaters, verstärkt ab September die Sparte Tanz am Theater Trier. Foto: Bettina Stöß
Mit ihren Stücken will sie die Zuschauer in Bauch und Herz treffen: Susanne Linke, Pionierin des deutschen Tanztheaters, verstärkt ab September die Sparte Tanz am Theater Trier. Foto: Bettina Stöß
Trier/Essen. In der kommenden Spielzeit wird eine Ikone ihrer Kunst das Tanztheater am Augustinerhof bereichern: Susanne Linke. Gemeinsam mit dem Afrikaner Koffi Kôkô choreographiert sie das Stück "Mistral", das am 13. September aufgeführt wird. TV-Mitarbeiterin hat sie während eines Workshops in Essen getroffen. Eva-Maria Reuther

Trier/Essen. "Und eins und zwei und drei und vier, mit dem Bein rein in den Boden!" Im großen Tanzsaal des Alten Bahnhofs in Essen unterrichtet Susanne Linke ihre Schüler. Der Workshop ist Teil des Forschungsprojekts "Inner Suspension" der Folkwang Universität der Künste. Vor dem wandfüllenden Spiegel bewegen sich die Tänzer, machen ein paar Schritte vor und zurück, erst langsam dann schneller. Energie verwandelt sich in Bewegung und Geste, wird zur großen fließenden Form.
Susanne Linkes unbestechlicher Blick zeichnet die kleinsten Bewegungsdetails auf. "Keine Folklore bitte", mahnt sie, rückt hier eine Schulter zurecht und korrigiert dort eine Fußstellung. "Der ganze Körper ist relevant", sagt sie. Seine inneren Vibrationen sollen sich bis in die letzte Faser veräußern. "Ich will, dass der ganze Mensch tanzt."
Das ist ebenso Schaffens prinzip wie körpergebundene Philosophie der legendären Tänzerin und Choreographin. Susanne Linke ist das, was man eine Ikone nennt. Als Andachtsbild mag sich die 1944 geborene Berlinerin allerdings nicht verstehen. Jung, voller Energie und noch immer im Aufbruch ist die zartgliedrige Frau geblieben, die an diesem Vormittag mit schier unerschöpflicher Energie ihre Schüler anfeuert und mitreißt, indem sie ihnen vortanzt, was sie meint. Fließend, geschmeidig, exakt auf dem Punkt sind ihre Bewegungen. Geistige und seelische Energie, die aufs Feinste ausbalanciert zur Körperform wird. "Tanz hält einen in Schwung", sagt Linke und lacht.
Nicht zuletzt ihrer Lust am Aufbruch ist wohl auch zu verdanken, dass sie ab September die Sparte Tanz am Theater Trier verstärken wird. Eigentlich habe sie sich nur zu einem Beratungsgespräch mit dem neuen Intendanten in Berlin treffen wollen, erzählt sie, nun doch ein wenig erschöpft, später bei einem Mineralwasser. Davon, aus Berlin nach Trier zu wechseln, habe sie erstmal gar nichts wissen wollen. "Aber schließlich hat mich Karl Sibelius mit seiner Offenheit und seiner Begeisterung überzeugt." Was sie zudem gereizt habe: "Mit der Arbeit in Trier kann ich junge Tänzer fördern."
Als Kind ohne Gehör


Fördern, weiterentwickeln, Unbekanntes wagen: Auch das gehört seit jeher zu Linkes Biografie. Erst im für ihre Branche hohen Alter von 20 Jahren begann die Tochter eines evangelischen Pfarrers ihre Tanzausbildung bei der legendären Mary Wigman in Berlin, ihrerseits eine Ikone des deutschen Ausdruckstanzes. Die kommunikative Bedeutung von Bewegung und Geste hatte das ehemals hör- und sprachgestörte Kind allerdings damals längst erfahren. Aus Berlin wechselte die junge Tänzerin nach Essen als Studentin von Pina Bausch an die Folkwang Hochschule. Bis 1985 leitete sie, zunächst gemeinsam mit Reinhild Hoffmann, das Tanzstudio dort.
Susanne Linke wird gern als Pionierin des deutschen Tanztheaters bezeichnet. Ohne Frage hat sie Wigmans etwas angestaubtes Pathos modernisiert, das Essener Tanzstudio weltläufig gemacht und dem Bremer Tanztheater, dem sie gemeinsam mit Urs Dietrich vorstand, Anerkennung verschafft. Ihre zahlreichen Tourneen gerade mit dem Goethe-Institut haben weltweit das Ansehen des deutschen Tanztheaters gestärkt. Auch nach Trier kommt Linke gemeinsam mit ihrem Partner Urs Dietrich und der Tanzdramaturgin Waltraut Körver, die für die Organisation zuständig ist.
Für das Haus an der Mosel hat Linke eine internationale Truppe junger Tänzer zusammengestellt. Natürlich sei eine fundierte Technik Voraussetzung für die Aufnahme in die Trierer Truppe gewesen, berichtet Linke.
Keine "Tanzmaschinen"


Ebenso wichtig sei ihr allerdings die Persönlichkeit der Tänzer gewesen. "Tänzer sind nun mal Menschen und keine Tanzmaschinen." Und wo bei Linke der ganze Mensch tanzt, kann schließlich nur tanzen, was an Geist, Seele und Charakter in ihm ist. Geradezu den Tänzern auf den Leib geschrieben wünscht sich die neue Trierer Tanzchefin die Choreographie. "Wir haben die Aufgabe, die Persönlichkeiten der Tänzer zu erfassen, zu entwickeln und über ihre Choreographien ihre Stärken hervorzuheben."
Aus ihrer Welterfahrung rührt die Themenwahl der Choreographin. Sendungsbewusstsein liegt der Tanzprofessorin allerdings fern, auch wenn in Stücken wie "Frauenballett", "Ruhrort" (25. September in Trier), "Märkische Landschaft" oder "Mistral" (13. September, 20 Uhr, Großes Haus), immer wieder gesellschaftliche Themen und kulturelle Befindlichkeiten angesprochen werden. Im Übrigen setzen Linkes Tanzstücke in ihrer Wortlosigkeit auf gut ausgebildete Emotionalität. "Wenn das Stück die Zuschauer in Bauch oder Herz trifft, ist es gut."