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Aufgeschlagen – Neue Bücher: Im Dickicht des Deutschen

Aufgeschlagen – Neue Bücher : Im Dickicht des Deutschen

Mark Twains vernüglicher Essay über eine unmöglich zu erlernende Sprache ist in einer neuen Übersetzung erschienen.

Die Uraufführung von „The Student Prince“ verpasste Mark Twain um 14 Jahre. Die hatte er nämlich bereits unter den Toten verbracht, als die Operette 1924 am Broadway uraufgeführt wurde. Und damit genug Zeit, um das zu tun, was er seinen Lesern am Ende seines Essays empfahl, um den es hier gehen soll. Aber dazu später mehr.

Zurück zum „Student Prince“: Die Operette des ungarisch-österreichischen Komponisten Sigmund Romberg spielt in jener Stadt, die im vorigen Jahrhundert als romantischer Sehnsuchtsort betuchter und reiselustiger Amerikaner galt. Einen Hinweis darauf gibt der deutsche Titel des Stücks: „Alt-Heidelberg“. Weniger als Sehnsuchtsort, und jetzt kommen wir wieder auf Mark Twain zurück, sah der amerikanische Schriftsteller den Ort am Neckar, sondern vielmehr als einen Punkt, den er auf seiner To-do-Liste abhaken wollte. Von Mai bis Juni 1878 verbrachte der Vater von „Tom Sawyer“ und „Huckleberry Finn“ einige Wochen in jener Stadt – was ihm auch gleich ein „Mark-Twain-Village“ im Ort einbrachte.

Jetzt aber endlich zum Thema: Bei seinem Besuch in Heidelberg machte Twain zwangsläufig auch Bekanntschaft mit der deutschen Sprache. An dem fremden Idiom hatte er sich übrigens bereits – wenig erfolgreich – als Jugendlicher abgearbeitet. In seinem Geburtsort Florida im US-Bundesstaat Missouri – Twain beschrieb den Flecken als „fast unsichtbares Dorf“ – lebten einige deutsche Einwanderer, mit denen er Freundschaft schloss, was in ihm den seltsamen Wunsch weckte, deren Sprache zu lernen. Als Lehrer suchte er sich einen deutschen Schuhmacher, dessen didaktische Fähigkeiten allerdings sehr zu wünschen übrig ließen, so dass der eifrige Schüler sich allein im Dickicht des Deutschen zurechtfinden musste. Was ihn irgendwann zu der Erkenntnis brachte: „In früheren Zeiten hatte irgendeiner mal Zahnschmerzen, und um sich davon abzulenken, hat er die deutsche Sprache erfunden.“

So beginnt Twains Essay über „Die schreckliche deutsche Sprache“, den er zwei Jahre nach seinem Heidelberg-Aufenthalt verfasste und der jedem, der diese Sprache erlernen möchte, dringend als Abschreckung empfohlen sei. „Der Erfinder dieser Sprache“, notiert er weiter, „scheint sich einen Spaß daraus gemacht zu haben, sie in jeder erdenklichen Weise zu verkomplizieren.“ Nicht allein, dass der durch das englische „the“ verweichlichte „native speaker“ gleich drei Artikel lernen muss, deren Zuordnung jedweder Logik widersprächen – warum ist es „das“ Mädchen, aber „die“ Mohrrübe; „der“ Fisch, aber „das Weib“, wobei die beiden sächlichen Sachen doch zweifelsfrei dem weiblichen Geschlecht zuzurechnen seien? Noch schwieriger sei es für jeden, der sich Goethes Sprache einverkopfen will, dass das Verb, das dem ganzen Satz oft erst einen Sinn verleiht beziehungsweise für die Verständlichkeit lebensnotwendig sei, erst am Ende dieses nämlichen Satzes komme, der sich mitunter über eine halbe Seite erstreckt (bzw. beim Sprecher erst nach einer Viertelstunde Erwähnung findet). Und jemand, der sich nach „Waffenstillstandsunterhandlungen“, die bei einer der zahlreichen „Generalstaatsverordnetenversammlungen“ beschlossen worden seien, um die „Wiederherstellungsbestrebungen“ kümmern müsse, täte gewiss besser daran, im Kriegszustand zu verharren, um den Wortungetümen nebst ihren zugehörigen Deklinationen zu entfliehen. Möglicherweise hatte Twain allerdings nur Pech bei der Auswahl seines Lehrbuches, in dem Fragen gestellt wurden wie „Wo ist der Vogel?“, wobei die richtige Antwort lautete: „Der Vogel wartet wegen des Regens in der Schmiede“.

Keine Frage jedoch ist, dass Twains spitzzüngiger Essay das Beste und Tiefste ist, was jemals über die deutsche Sprache zu Papier gebracht worden ist. Holger Hanowell hat die linguistische Tirade neu übersetzt und mit ausführlichen Anmerkungen versehen, und in der Tat fragt sich auch der deutsche Muttersprachler hin und wieder, ob man sich kommunikativ wirklich auf einem Niveau bewegen muss, das Menschen jenseits der deutschen Zunge schon wie eine Geheimsprache erscheinen muss. Aber Mark Twain wäre nicht Samuel Langhorne Clemens – so hieß er nämlich wirklich –, wenn er dem verzagten Deutscheleven am Ende nicht ein wenig Mut zusprechen würde: „Aufgrund meiner philologischen Studien bin ich überzeugt, dass ein begabter Mensch Englisch (außer Schreibung und Aussprache) in dreißig Stunden, Französisch in dreißig Tagen und Deutsch in dreißig Jahren lernen kann. Es liegt daher auf der Hand, dass die letztgenannte Sprache zurechtgestutzt und repariert werden sollte. Falls sie so bleibt, wie sie ist, sollte sie sanft und ehrerbietig zu den toten Sprachen gestellt werden, denn nur die Toten haben genügend Zeit, sie zu lernen.“

Mit anderen Worten: 108 Jahre nach seinem Ableben dürfte der Schriftsteller inzwischen Goethe und Schiller das sprachliche Wasser reichen können. Von allen anderen Deutschen ganz zu schweigen …

Rainer Nolden

Mark Twain, Die schreckliche deutsche Sprache, übersetzt und kommentiert von Holger Hanowell, 78 Seiten, 6 Euro.