Im Live-Konzert eine Weltmacht

Luxemburg · In wenigen Tagen streifen die "Scorpions" auf ihrer zweieinhalbjährigen Welt-Abschiedstour auch die Region: 35 Jahre nach ihrem Debüt in der Konzer Beethovenhalle sagen sie ihren Fans in der Luxemburger Rockhal Adieu. Dazwischen liegt eine beispiellose Karriere.

 Die Scorpions zur Karriere-Halbzeit: Bravo-Poster aus dem Jahr 1991. Foto: privat

Die Scorpions zur Karriere-Halbzeit: Bravo-Poster aus dem Jahr 1991. Foto: privat

Dass sie Schnell starter gewesen wären, kann man wirklich nicht behaupten. Sieben Jahre brauchten die Scorpions nach der Gründung im Jahr 1965, um ihre erste Platte zu produzieren. Weitere drei, um zum Insidertipp zu werden. Als sie 1975 in Konz ihr Album "In Trance" präsentierten, gab es 2000 Mark Gage - plus zwei Flaschen Whisky. Und wer von den 250 Besuchern in der alten Beethovenhalle gewettet hätte, dass die fünf langhaarigen Kopfschüttler auf der Bühne alsbald Weltstars sein würden, hätte eine Traumquote erhalten.

Es kam dann anders. Gerade "In Trance" erwies sich als Eintrittskarte für England und Japan. Und wer heute nachvollziehen will, wie die Band mit Gitarrist Uli Roth damals klang, dem sei das exzellente, stimmungsvolle Live-Album "Tokyo Tapes" von 1978 empfohlen.

In Deutschland machte die Hannoveraner Band zu dieser Zeit eher durch ihre provokativen Plattencover auf sich aufmerksam. Die seien frauenfeindlich und gewalttätig, schimpften manche. Das nackte Mädchen auf dem Original-Cover von "Virgin Killer", hinter einer Glasscheibe, die an der heikelsten Stelle gerissen war, provozierte noch vor wenigen Jahren im Internet eine heftige Kinderporno-Debatte. Dabei hatte die Band es bald nach Erscheinen gegen einen harmlosen Titel getauscht.

Bon Jovi und Metallica im Scorpions-Vorprogramm



Der entscheidende Karrieresprung kam auf der anderen Seite des großen Teichs. In den USA katapultierte sich der ertragreichste deutsche Musik-Export aller Zeiten Anfang der 80er Jahre unter die Ikonen der jungen Metal-Szene. Mit fettem Hardrock erkämpfte sich die Truppe um die Original-Scorpions Rudolf Schenker und Klaus Meine sowie den neuen Gitarristen Matthias Jabs einen Platz neben Giganten wie AC/DC, Van Halen oder Iron Maiden. Bon Jovi und Metallica spielten gar in ihrem Vorprogramm.

In der alten Heimat betrachtete man die Entwicklung mit Staunen und einem gewissen Maß an Ehrfurcht, aber die Scorpions blieben eine Größe für einen eingeschränkten Fankreis. Das sollte sich erst 1989 ändern, als Sänger Klaus Meine mit dem richtigen Titel zur richtigen Zeit Rockgeschichte schrieb. Pünktlich zum Fall der Mauer beschwor man den "Wind of change", und der für Scorpions-Verhältnisse recht schnulzige Song geriet zum weltweiten Symbol für das Ende des kalten Krieges. Gorbatschow, der Fall der Mauer und das Pfeifen von Klaus Meine gingen eine geniale Symbiose ein - und fortan waren die Scorpions Popstars, gehätschelt und gepäppelt, mit Preisen überhäuft, von Bundeskanzlern umarmt, von den Berliner Philharmonikern zum gemeinsamen Konzert gebeten, auf "Wetten, dass...?"-Sofas gepresst.

Der Versuch, sich der neuen Rolle auch musikalisch anzupassen, sorgte in den Neunzigern für schwache Studio-Produktionen. Live aber blieben die Scorpions eine Weltmacht. Um so mehr, als sie sich nach 2000 wieder verstärkt auf ihre Rock-Wurzeln besannen.

4000 Konzerte sollen sie im Laufe ihrer Karriere gegeben haben, die Schätzungen über die verkauften Tonträger schwanken zwischen 100 und 150 Millionen. Sie sind die mit Abstand erfolgreichste Rockband Kontinental-Europas. Aber darauf hätten sie 1975 in der Konzer Beethovenhalle wohl selbst nicht gewettet - nicht einmal nach zwei Flaschen Whisky.

Scorpions, Rockhal Esch, 21. November. Karten in den TV-Service-Centern Trier, Wittlich, Bitburg, unter 0651/7199-996 und www.volksfreund.de/tickets

Extra

Für sagenhafte 230 000 Euro wurde diese Woche eine Scorpions-Gitarre bei einer Benefiz-Veranstaltung der Klitschko-Brüder in Kiew versteigert. Die "Taylor Acoustic" ging an einen russischen Geschäftsmann. (dpa)

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