Im Rausch der Farben: Erstes Schauspiel der Saison sorgt gleichermaßen für Buh- und Bravorufe

Im Rausch der Farben: Erstes Schauspiel der Saison sorgt gleichermaßen für Buh- und Bravorufe

Ob Molière begeistert sein oder sich im Grabe wälzen würde, darüber spekulierte das Publikum am Samstagabend bei der Premiere des gleichnamigen Stückes im Theater Trier. Wer bis zum Ende blieb, war sich sicher: Molière hätte es gefallen.

Auf einer nahezu leeren Bühne warten elf Schauspieler darauf, dass es losgeht. Der Vorhang ist schon oben. Bei Saallicht kommt einer nach dem anderen nach vorne und stellt sich vor. Der eine mag Tiere und hat im Zoo schon einmal eine Giraffe gestreichelt, die andere ist Ossi und kommt aus einer Familie von leidenschaftlichen Mauerbauern. Einer spricht fließend Latein, eine andere sollte mit 14 mit ihrem Cousin verheiratet werden.

Fast eine Stunde lang stellen sich die neuen und die beiden bekannten Gesichter des Trierer Schauspielensembles dem Publikum vor. Dem Anlass entsprechend natürlich inklusive einer gehörigen Portion Komödie und schauspielerischem Können. Auch im Stück selbst "fallen" sie immer wieder aus der Rolle, um mit dem Publikum zu interagieren und sich "vorzustellen".

Das Stück heißt "Molière", gezeigt wird mehr oder weniger "Tartuffe", gespielt wird im Geiste des französischen Autors und Schauspielers aus dem 17. Jahrhundert. Tartuffe ist ein bigotter Schwindler, der sich in das Herz des wohlhabenden Orgon frömmelt, gleichzeitig dessen Frau Elmire verführen will und dessen Tochter Mariane zur Gattin bekommen soll. Er entzweit Vater Orgon und Sohn Damis und stürzt Valère, den Geliebten von Mariane, ins Unglück. Zuletzt überschreibt Orgon ihm sein komplettes Vermögen. In Molières Originalfassung erscheint daraufhin der verschmähte Valère, rettet Familie und Besitz und sorgt dafür, dass Tartuffe seine Strafe erhält.

Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson springt weniger schonend mit seinen Schauspielern um: In Trier endet das Stück damit, dass der Vollzugsbeamte vor der Tür steht und alles an Besitz von der Familie einfordert, sprichwörtlich bis auf das letzte Hemd und die letzte Unterhose. Das Ensemble bemüht sich zwar, im Textbuch das freundlichere Ende wiederzufinden, hektisch wird nach einem Reclamheft gefragt. Doch auch darin ist die Passage gestrichen. Am Ende stehen alle nackt auf der Bühne, mit so viel Farbe beschmiert, dass alles zu einer braunen, glitschigen, unansehnlichen Soße verschwimmt.

Bis es so weit ist, müssen die Schauspieler einige Liter Farbe verschütten. Arnarsson nutzt dieses Mittel mehr als ausführlich, seine Schauspieler ertränken ihre Rage, ihre Verzweiflung, ihre Liebe und ihren Schmerz eimerweise in Farbe. Gut funktioniert dies als Bindemittel, als Andeutung einer komplexen emotionalen Lage, etwa als Tartuffe Elmire seine Gefühle offenbart: Zwei Schauspielkollegen halten der liegenden Elmire (Nadja Migdal) die Beine auseinander, Tartuffe (Christian Beppo Peters) gießt einen Eimer schwarze Farbe auf ihren kuscheligen, weißen Overall. Erst in den Schoß, dann auf die Brust, dann ins Gesicht. Elmire ist besudelt.

Das Talent der durchweg jungen Neulinge im Ensemble zeigte sich vor allem in den leisen Tönen, nicht im Geschrei, welches viele Zuschauer zu Buhrufen verleitete. Einige verließen lautstark den Saal. Nach der fünfminütigen Pause kehrte nur etwa die Hälfte der 450 Zuschauer auf ihre Plätze zurück. Ihnen war es offenbar zu laut, zu nackt, zu schmierig. Tatsächlich musste man sich oft besinnen, um die starken, leisen Momente nicht zu verpassen. Regisseur Arnarsson hätte weniger auf knallige Farben und mehr auf seine starken Schauspieler setzen können. Diese erschaffen ihre eigenen Welten in Superman-Kostüm oder lila Rokokoperücke, transportieren gewaltige Emotionen, spielen leise Verzweiflung.

Still und effektvoll ist die Szene, in der Mariane (Gina Haller) Tartuffe zur Frau versprochen wird: Sie liegt am Boden und hält den dünnhäutigen Herz-Luftballon auf ihrem Kostüm schützend an sich. Tartuffe drückt, das Häutchen platzt.Starkes Stück, starkes Ensemble

Foto: vincenzo laera (g_kultur


Raum für großes Schauspiel ist allemal: Die Ausstattung von Daniel Angermayr ist karg, die Bühne wird von drei "Wänden" aus Folie umrahmt, darauf stehen ein Podest für Musiker Gabriel Cazes, eine Leiter und ein Krankenbett für Barbara Ullmann, die die Mutter Orgons spielt und an diesem Abend krank auf der Bühne steht.

Mit dreieinhalb Stunden ist der Abend allerdings sehr lang, da hätte ruhig gestrafft werden können. Etwa am Ende, wenn sich die letzten beiden Schauspieler lange zieren, bevor sie sich auch ausziehen.

Dennoch ein starkes Stück eines starken Schauspielensembles. Eine Inszenierung, die das Publikum spaltet: Die einen rufen Bravo, die anderen Buh. Diese Spielzeit verspricht spannend und explosiv zu werden; auch wenn das einigen nicht gefallen wird.

Weitere Termine: 2., 3., 7., 9., 18. Oktober, 24. und 29. November.

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