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Im Steinbruch der Musikgeschichte

Im Steinbruch der Musikgeschichte

TRIER. Es müssen ja nicht immer die Hauptwerke sein. Auch Kompositionen am Rande des Repertoires sind für ein Sinfoniekonzert gut. Vorausgesetzt, die Interpreten finden den rechten Zugang zur Musik. Die Leitung des Orchesters hatte der Direktor des Luxemburger Konservatoriums Fernand Jung.

Ein Klavier-Solostück mit Orchesterbegleitung, eine annullierte Sinfonie und die schöne "Freischütz"-Ouvertüre mit ihrer Verschränkung von Sonatensatz und Potpourri - Mut hatten sie ja, die Programmplaner fürs 4. Sinfoniekonzert und Augenmaß auch. Die Kompositionen von Clara Schumann, Weber und Bruckner gleichen einem musikhistorischen Steinbruch. Ihre Diamanten wollen mühsam gesucht und sorgfältig aufbereitet sein. Dabei kann es dann vorkommen, dass einem dicke Steine vor die Füße rollen. Bei Weber wird der Forte-Klang dick und massiv. Mit den Konturen geht auch die Spannung dieser Musik verloren, und nur die Intensität, die das Orchester im Mittelteil des Werks aufbringt - erst sie ist ein Korrektiv. Ganz leicht ist die Arbeit im Steinbruch eben nicht. Béatrice Rauchs bewältigt Clara Schumanns Klavierkonzert achtbar und lässt doch erkennen, welch pianistischen Brocken die sechzehnjährige Frühbegabung da aufs Papier gebracht hat. Erst im Finale entdeckt die luxemburgische Pianistin endlich die Schönheiten des Werks. Dem Hauptthema, das so herrschaftlich auftritt, gibt sie einen kavaliershaften Schwung. Und dann der hoch virtuose Abschnitt in der Satzmitte. Da blitzen die Figuren auf, da perlen die Läufe und münden in kraftvolle Oktavpassagen. Auch nach der Pause hatten die Interpreten Mühe mit der Musik. Wenn etwas Bruckners "Nullte" auszeichnet, dann sind es die Feinheiten, melodische Arabesken, die sich durchkreuzen und ineinander verschlingen. Das wäre ein Fall für den weichen Pinsel gewesen. Aber Fernand Jung hämmert ein strohtrockenes Klang-Produkt zurecht, in dem sich alle Schwächen des Werks potenzieren. Dieser Musik fehlen die Übergänge, die großen Steigerungen, die Aufgipfelungen. Wenn dann noch melodische und kontrapunktische Glanzlichter stumpf bleiben, verliert es sein Gesicht. Und seien wir ehrlich: Manchmal schien es, das Orchester würde vornehmlich aus eigener Kraft und eigener Kompetenz musizieren.