Im Theater Trier feiert "La Bohème" von Puccini Premiere.

Kostenpflichtiger Inhalt: Theaterpremiere : La Bohème in Trier – Die Liebe in den Zeiten des Klimawandels

Mikaël Serre inszeniert Puccinis „La Bohème“ am Theater Trier mit einem überzeugenden Konzept –  für die ersten drei Bilder. Im vierten zeigt es Brüche. Das Publikum quittiert den Opern-Abend mit Bravo- und vereinzelten Buhrufen.

Er sieht nicht gut aus, der Himmel über Paris. Dunkle Rauchschwaden der frühen Industrialisierung künden unheilschwanger die Konsequenzen an, mit denen wir es heute zu tun haben: Umweltverschmutzung, steigende Temperaturen, Klimawandel mit immer heftigeren Stürmen (neben dem Eiffelturm, der bisweilen in gefährliche Schieflage gerät, wachsen riesige Palmen, deren Wedel in wilden Orkanböen flattern, ins schwarzgelb verschwefelte Firmament); später kommt noch der plastikverseuchte Ozean dazu; ein graufleckiger Niederschlag rieselt fast permanent von oben herunter. In den Banlieus haben sich die Flüchtlinge unter den Brücken der Seinestadt sowie zwischen den Pylonen der Stadtautobahnen in einer Zeltstadt niedergelassen.

Paris ist längst kein Fest fürs Leben mehr, sondern ein beklemmender, bedrohlicher, unwirtlicher Moloch. Für diese Weltuntergangsstimmung sorgen die mal halluzinatorischen, mal albtraumhaften Videoeinspielungen von Sébastien Dupouey, der die touristischen Hotspots der Hauptstadt zerfleddert und mitten hinein ins Verkehrschaos aus Güterwagen, endlosen Schlangen von LKW und unentwegt vorbeirauschenden Metrozügen versetzt.

Also nicht 1896, sondern 2019 ist das Jahr, in dem die Künstler-WG hungernd und frierend den Weihnachtsabend in ihrer abgeranzten Mansarde verbringt. Rodolfo ist immer noch Dichter, aber Marcello ist inzwischen Absolvent eines IMM-Studiums („Irgendwas mit Medien“), der auf dem Laptop Konzept-Kunst entwickelt und unter anderem das digitale Feuer entfacht, an dem es sich ein bisschen wärmen lässt. Zu dem launisch-munteren Geplänkel des Quartetts, komplettiert vom Philosophen Colline und dem Musiker Schaunard, werden markt-, kunst- und gesellschaftskritische Sentenzen des Düsseldorfer Aktion-Künstlers Joseph Beuys auf die Leinwand projiziert, die die vier unter anderem darin beflügeln, die Geldeintreibungsversuche ihres Vermieters Benoît listig abzuwimmeln, den sie darüber hinaus mit billigem Fusel abfüllen. Carsten Emmerich spielt den gutmütigen Trottel, für den die Partitur keine bemerkenswerten Noten vorsieht (ebenso wenig wie für Derek Rue, der im zweiten Bild den liebesvernebelten Sugardaddy Alcindoro der kapriziösen Musetta gibt, oder Hak-Il Kim als Sergente).

In unserer Gegenwart hat auch die Schwindsucht keine Chance mehr als überzeugende Todesursache. Also macht Regisseur Serre aus seiner Mimi eine hustende Kettenraucherin, der die Streichhölzer für die Zigarette ausgegangen sind. Réka Kristof ist kein verhuschtes Mäuschen, sondern eine resolute, taffe junge Frau, die auf das Balzgehabe Rodolfos, der sich ihr als ambitionierter Dichter präsentiert, mit ironischem Schmunzeln reagiert. Auch Carlo Jung-Heyk Cho lässt keinen Zweifel daran, dass er mit seiner Rolle als intellektuell-vergeistigter Poet spielt. Und nachdem die beiden erst einmal ihre todesmutigen Höhenflüge im ersten Bild mit Bravour gemeistert haben (was erste Begeisterungsstürme im Publikum zur Folge hat), können sie entspannt dem weiteren Verlauf der Handlung entgegensingen.

Apropos Spielen: Die Sänger dieser „Bohème“ erweisen sich durch die Bank als exzellente Schauspieler, die nicht bloß ihre Bravourarien an der Rampe abliefern, sondern aus ihren Figuren runde, blutvolle Charaktere machen. Überhaupt: Die gesanglichen Leistungen sind herausragend. Neben Réka Kristof glänzt eine kapriziös-launisch-zickige Einat Aronstein als flatterige Musetta, ein leichtes Mädchen mit goldenem Herzen und ebensolcher Kehle. Carl Rumstadt als ihr Lover zieht verdientermaßen neben Jung-Heyk-Cho als zweiter männlicher Mitstreiter den geballten Jubel auf sich. Matthias Bein als Schaunard und Yuri Dolgopolov (Parpignol) schlagen aus ihren vergleichsweise kurzen Rollen zumindest komödiantische Funken.

Den bühnenbildnerischen Höhepunkt (Rena Donsbach und Sébastien Dupoey schufen den Raum) stellt das Wimmelbild im zweiten Akt dar: Rund 70 Darsteller wirbeln durch die Szene, ohne dass Chor und Jugendchor (Leitung: Martin Folz) auch nur ein Jota an Präzision einbüßen (und dabei richtig knifflige musikalische Passagen abliefern müssen), und die Mitglieder der Statisterie agieren präzise wie ein Uhrwerk, ohne sich auch nur einmal ins Gehege zu kommen. Außerdem hat Serre keine Berührungsängste vor kitschigen Einsprengseln: Beim ersten Treffen von Mimi und Rodolfo wird der tristgraue Himmel flamingopink (ebenso bei ihren Reminiszenzen im letzten Bild), und über Musetta lässt Serre einen überdimensional-grotesken Christbaumschmuck niedersinken, wenn sie ihre populärste Nummer („Quando m’en vò“) walzerselig zelebriert. Ein schroffer Kontrast dazu das düstere dritte Bild, das nicht an einer Zollstation, sondern vor dem Gehege eines Flüchtlingslagers rund um eine zwielichtige Kneipe mit noch zwielichtigerem Personal stattfindet.

Bis hierhin erweist sich das Regiekonzept als durchaus konsequent und schlüssig. Doch im vierten Bild inszeniert Serre quasi gegen die Vorlage, was die Handlung teilweise unfreiwillig komisch macht. Das Künstlerquartett ist inzwischen zu Geld und Ruhm gekommen; ihre Konterfeis zieren die Titelseiten eleganter Zeitgeist-Magazine; auf dem Tisch Eiskühler mit Champagnerflaschen und Gläserpyramiden in „Moulin Rouge“-Manier. Unvermittelt platzt Musetta mit der sterbenden Mimi in die Vorbereitungen zur Feier, und die vier Männer kratzen ihr letztes Geld zusammen, um die nötigen Medikamente zu besorgen. Hier hat nun auch Karsten Schröter als Colline seinen starken Auftritt – ungeachtet der Tatsache, dass seine Arie zu seinen Handlungen in krassem Widerspruch steht. Der vermeintlich alte Mantel, den er ins Pfandhaus bringen will, hängt als Designermodell am Kleiderständer, wo er am Schluss auch bleibt, anstatt zu Geld gemacht zu werden. Und statt des Muffs, den Mimi sich wünscht, muss sie sich mit den Resten der Zuckerwatte begnügen, die im zweiten Bild an die Kinder verteilt wurde.  Ist das alles vielleicht ironisch gemeint? Sorry, aber die Ironie ist ziemlich im Leeren verpufft. Immerhin: Mimis Sterben ist dann wieder ein zu Herzen gehender, echt ergreifender Moment, bei dem man ein paar Mal schlucken muss.

Musikalisch laufen die zahlreichen Fäden, ohne sich zu verheddern, bei GMD Jochem Hochstenbach zusammen, der das Geschehen auf der Bühne und die Noten vor sich auf dem Pult mit traumwandlerischer Sicherheit koordiniert. Das Orchester trifft den farbenreichen Puccini-Sound mit all seinen dynamischen und gefühlvollen Varianten und den anspruchsvollen Tempi-Abwechslungen präzise; da gibt es nicht die geringsten Abstimmungs- oder Verständigungsprobleme zwischen Graben und Bühne.  Auch auf Hochstenbach und seine Musiker konzentrieren sich die Bravorufe beim Schlussapplaus, in den sich nur vereinzelte Buhrufe mischen, als der Regisseur und sein Team auf die Bühne kommen. Mikaël Serre quittiert es mit nachsichtigem Lächeln.

Die nächsten Aufführungen: 21. September sowie 2. und 13. Oktober. Karten gibt es online auf www.theater-trier.de, unter der Mailadresse theaterkasse@trier.de sowie unter Telefon 0651/ 718-1818.

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