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Im Zeichen der Vogelfedern

Luxemburg. Die Veranstaltungsserie "rainy days" in Luxemburg setzt auf Berührung und Gefühl. Martin Möller

Luxemburg Treten die jährlichen "rainy days" in der Luxemburger Philharmonie in eine neue Phase? Jedenfalls präsentiert sich das kleine Festival, das bis zum 19. November in der Philharmonie, im Museum Mudam, in der Abtei Neumünster und im Grand Théâtre stattfindet, unspektakulär anders als bisher. Mit dem Motto "How does it feel" legte die künstlerische Leiterin und Philharmonie-Chefdramaturgin Lydia Rilling den Schwerpunkt sichtlich nicht auf strenge Strukturierungen, sondern auf Emotion und Organik. Und der Vogelfeder-Fächer auf dem Cover des Programmbuchs sowie die Abbildung von drei unterschiedlich geformten Handbürsten auf der Rückseite - sie lösen beim Betrachter die Assoziation mal kuschliger, mal spröder Körperlichkeit aus. Eins indes schloss Rilling kategorisch aus: intellektuell verengte, "verkopfte" Musik.
Dabei deckt das Motto keineswegs die Vielfalt der Veranstaltungsreihe ab, und das ist kein Nachteil. Komponisten wie Aperghis, Poppe, Berio, Catherine Kontz und Festival-Gründer Claude Lenners, das Lucilin-Ensemble - sie alle stehen für die Spannweite des Festivals - stilistisch und auch emotional. Eine Klanginstallation von Robert Minard eröffnet dazu im schmalen Durchgang zwischen den Säulenreihen und den Fensterflächen der Philharmonie mit zahlreichen Miniatur-Lautsprechern große virtuelle Klang-Räume.
24 Uraufführungen stehen an. Zudem bringt das Team um Lydia Rilling einige neue Formate ein. Auf einer Konferenz am 17. November debattieren sechs Musikwissenschaftlerinnen über "emotionale Konzepte in zeitgenössischer Musik". Im "Salims Salon" (18. November) befassen sich fünf Künstler mit Fremdheit und Identität. Am 19. November findet in Kooperation mit dem Lucilin-Ensemble das Abschlusskonzert der Luxembourg Composition Academy statt. Acht junge Komponisten aus sechs Ländern präsentieren die Ergebnisse ihrer einwöchigen Arbeit mit Chaya Czernowin (Haward) und Mauro Lanza (Berlin).
Überhaupt glänzen die "days" mit Veranstaltungen, deren Ankündigung spontan Vorfreude auslöst. Zum Beispiel der Kult-Stummfilm "Dr. Caligari" mit der Musik von Wolfgang Mitterer, eine Auftragskomposition für die Philharmonie (16. November). Das Italian Madrigal Book (16. November) mit dem Vokalensemble Exaudi könnte mit seiner Kombination historischer und zeitgenössischer Madrigalkunst ein Höhepunkt im Programm werden. Saxofonist Peter Brötzmann und Gitarristin Heather Leigh demonstrieren, wie frei und aggressiv zugleich musikalische Gefühlswelten sein können (18. November). Das Klangforum Wien unter Emilio Pomarico nimmt sich die "Situations pour 23 Solistes" von George Aperghis vor und bezeichnet Werk und Interpretation als "declaration d'amour" (18. November).
Noch vor dem offiziellen Beginn zeigte das Festival mit einem bescheiden "prelude" genannten Konzert, welch expressive Energie Neue Musik entbinden kann. Das US-amerikanische JACK Quartett gab drei Quartetten und einem Streichtrio von Iannis Xenakis eine Ausdrucks-Intensität mit, die beim Publikum atemloses Erstaunen auslöste. Diese Musik greift nicht zu Formeln, bei denen Gefühle dann automatisch einschnappen. Sie entwickelt ihre Emotionalität aus der strengen, durchgebildeten Struktur. Ob es sich um die enorme Dichte im Quartett "ST/4,1-080262" von 1962 handelt oder die transparente, abgeklärte Schreibweise von "Tetora" von 1990 - stets ist die Gefühlswelt bei Xenakis frei von allem, was vertraut erscheint. Grandios!
Kartentelefon 00352/26322632, weitere Infos: <%LINK auto="true" href="http://www.rainydays.lu" text="www.rainydays.lu" class="more"%>