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In der Begegnung vom Ich zum Du

Trier. Mit Barbara Heinisch hat die Europäische Kunstakademie Trier(EKA) eine international ausgewiesene Prozesskünstlerin verpflichtet. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Sandra Hundelshausen stellte sich die interdisziplinär arbeitende Malerin in einer eindrucksvollen Performance dem Trierer Publikum in der Kunsthalle der Akademie vor. Eva-Maria Reuther

Trier. Zuerst ist da nur der irritierende schwarze Schatten einer Frau auf der weißen Leinwand. Mit einem breiten Pinsel beginnt Barbara Heinisch seine Umrisse nachzuzeichnen, die flüchtige Erscheinung festzuhalten, indem sie ihr Gestalt gibt. Die malerische Auseinandersetzung wird heftiger. Was unbestimmte Wahrnehmung war, wird als Farbe und Linie fassbar. Das künstlerische Ringen wird zum Schöpfungsakt. Bisweilen attackiert die Malerin die Leinwand geradezu, um den dunklen, "metaphysischen Piraten" wie der italienische Philosoph Roberto Cavati den Schatten nannte, dort auf der Leinwand im Bild dingfest zu machen. Dazu schafft Mozarts sanftes Flötenkonzert einen intimen Klangraum.
Später werden sich die Verhältnisse umkehren. Dann wird der Schatten selbst in der Person der Malerkollegin Sandra Hundelshausen zum malenden Schattenfänger, während Barbara Heinischs Körper die Rolle der schwarzen Silhouette übernimmt. Seit langem praktiziert die 1944 geborene, viel beachtete Performance Künstlerin den Prozess der Bildschöpfung als öffentliches Ereignis. In Trier bezieht sie - wie sie sagt - zum ersten Mal eine Kollegin als aktive Dialogpartnerin und Mitgestalterin in den Schaffensprozess ein.
"Ich werde am Du". Was Cavatis jüdischer Kollege Martin Buber als Erkenntnis gleichsam in Worte meißelte, illustriert eindrucksvoll die Performance der beiden Künstlerinnen. Eine Botschaft, die in diesen Tagen dringlicher erscheint denn je. Auch in Trier entsteht aus dem Miteinander erst das endgültige entscheidende Bild. Der Weg der Selbstfindung führt auch hier über die Begegnung. Mit dem Motiv des Schattens und seiner bildkünstlerischen Befreiung zur Person haben die beiden Künstlerinnen ein altes, vielfältig in der Literatur und der Mythologie verhandeltes Thema neu ergründet.
Der Schatten steht seit jeher gleichermaßen für die Zwiespältigkeit der Welt wie der eigenen Person. Ohne seinen Schatten ist der Mensch sozusagen nicht vorhanden.
Im Schatten zeigt sich ebenso die Wirklichkeit wie unsere Vorstellung davon. Im Schatten werden zudem Licht und Dunkel der Welt sichtbar. Auch Barbara Heinisch begegnet im Schatten auf der Leinwand dem Mitmenschen und der Welt. Die beunruhige sie derzeit enorm, erklärt die Künstlerin. Da gilt es, jede Menge Schatten zu bannen.
"Für mich ist es ganz wichtig, meine tiefe Betroffenheit in meiner Arbeit auszudrücken und aufzuarbeiten", sagt Barbara Heinisch mit Blick auf die aktuellen Bedrohungen durch Terror und Krieg. Am Ende zerreißt Heinisch die bemalte Leinwand. Mit ihrer Hilfe steigt der Schatten (Sandra Hundelshausen) als Person durch die entstandene Öffnung. Manch einem der Zuschauer erscheint das wie ein Geburtsakt. "Für mich bedeutet es Befreiung", erklärt Heinisch. Die beiden Künstlerinnen geben sich die Hand. In der Begegnung vereinen sich "Ich" und "Du". Was als "Alter Ego" im Schatten getrennt war, wird wieder eins mit der Person der Künstlerin. Allerdings ist in der neuerlichen Vereinigung die Trennung schon zu ahnen. "Meine Arbeit bewegt sich im Spannungsfeld von Leben und Tod", sagt Heinisch.