1. Region
  2. Kultur

In der Serie Singen äußert sich Dirigent und Chorleiter Martin Folz über die Leitung von Chören

Serie Singen : Lehrer, Lenker, Lichtgestalt

Welchen Balanceakt muss ein Chorleiter heute gehen zwischen Strenge und Nachsicht, Ehrgeiz und Motivation? Wie mit seinen Sängern umgehen? Martin Folz, ein Tausendsassa unter den Dirigenten in der Region, hat auf (fast) alle Fragen eine Antwort.

Wenn Soprane piepsen, Tenöre knödeln, Altistinnen ihren Einsatz verpassen oder Bässe mit zu viel Masse im Ton singen, steht so mancher Dirigent kurz vor der Schnappatmung. Sensible Sänger merken das. Für sie ist ihr Dirigent Dreh- und Angelpunkt. Der Chef, der für alle musikalischen Probleme eine Lösung hat, der geduldig erklärt und nie müde wird, missratene Passagen wieder und wieder zu proben. Im Idealfall.

Von dem berühmten Dirigenten Sergiu Celibidache (1912-1996) ist der Satz überliefert: „Jeder Dirigent ist ein verkappter Diktator, der sich glücklicherweise mit Musik begnügt.“ Stimmt das, Martin Folz?

Diktator oder Softie?

„Natürlich spürt der Dirigent die Macht, wenn er Menschen führt. Bist du ein Diktator oder ein Mensch, der Menschen führt? Das ist eine persönliche Veranlagung.“ Folz grinst schelmisch. „Ich kann natürlich nicht fragen, ob wir in Takt 8 ein Crescendo machen. Ich muss die musikalische Entscheidung treffen. Also insofern kann ich das Zitat nachvollziehen.“

Seit Jahrzehnten steht Martin Folz vor Chören, und er weiß, dass ein Chorleiter, der überwiegend auf Konfrontation setzt, ganz schnell ein sehr einsamer Chorleiter ist. „Mir fällt auf: Was Erwachsene, Kinder und Pubertierende suchen, ist eine musikalische Idee, eine Vision, die sie herausfordert, die ihnen sinnvoll erscheint, und die umgesetzt werden soll.“ Dass das nur mit Disziplin und Entschlossenheit funktionieren kann, sei allen klar. Und noch etwas hat Folz in all den Jahren herausgefunden. „Die Leute beobachten mich. Sie fragen sich ,Ist das authentisch, kann ich dem das abkaufen?’“ Folz kaufen Sänger offenbar eine ganze Menge ab. Die Chöre, die er bisher geleitet hat (siehe Info), waren alle Bestseller.

 Martin Folz.
Martin Folz. Foto: Dirk Tenbrock (DT)

Wutanfälle und Entschuldigungen

Wenn nichts mehr funktioniert, die Intonation in den Keller rutscht, die Lautstärke bei forte (laut) hängenbleibt, kurzum die Sänger versagen, braucht der Chorleiter ganz starke Nerven. Folz kennt diese Momente nur zu gut. „Musizieren ist eine wechselseitige, emotionale Arbeit. Es müssen viele Faktoren zusammenkommen, damit die Arbeit gelingt.“ Da gibt es Augenblicke, „wo ich mich wahnsinnig ärgere. Ja, es gibt sie, und sie sind auch hier und da berechtigt. Aber man muss auch in der Lage sein, sich zu entschuldigen.“

Einsamer Wolf oder Leitwolf?

Wer sich als Dirigent vor einen Chor stellt und sich einbildet, er brauche nach niemandem zu fragen, hat höchstwahrscheinlich bald keine Sänger mehr. „Wenn ich nicht der Chef bin, funktioniert es nicht. Aber andersherum auch nicht“, sagt Folz. Schwierig. Aber nicht wirklich. „Ich mache während der Probe eine Art Selbstreflexion. Ist das sympathisch oder ist das abweisend, was ich tue. Wie wirke ich? Einladend? Ein interessanter Punkt für einen Chorleiter.“

Mitbestimmung. Ja oder nein?

Ein heikles Thema: Sollten Sänger aussuchen dürfen, was sie singen wollen oder ist dies alleiniges Privileg des Chefs? „Im Kinder- und Jugendbereich ist es normal, dass die Sänger mit Stücken ankommen. Meistens aus dem Popbereich. Da muss man einfach schauen, was machbar ist“, sagt Folz. Erwachsenenchöre haben bisweilen Mitbestimmungs-Modelle. „Es gibt Chöre mit einem Chor-Rat. Und die suchen dann mit dem Chorleiter gemeinschaftlich das Programm aus. Allerdings muss ich als Chorleiter prüfen, ob es passt und ob es Sinn macht.“

 Nein, diese Werke sing’ ich nicht!

Wenn ein Chor partout keine Lust hat, ein bestimmtes Werk aufzuführen, beißt der Dirigent auf Granit. Setzt er sich dennoch durch, passiert das, woran sich Martin Folz bis heute erinnert. „Ich hatte einmal zu Weihnachten etwas anderes ausgesucht als sonst. Eine Gegenüberstellung von Heinrich Schütz’ Weihnachtsoratorium und Arvo Pärts Magnificat.“ Doch der Chor war davon nicht überzeugt. Folz zog das Programm trotzdem durch. „Da habe ich einen einsamen Kampf gekämpft.“ Fazit: Da der Chor auch den Vorverkauf organisierte, war das Konzert eins der schlechtest verkauften der Ära Folz. Der zog sein privates Fazit: „Ich wüsste nicht, ob ich mich so einer Situation noch einmal aussetzen wollte.“

Pädagoge oder Animateur

Langweilige Chorleiter sind Sängern ein Graus. Zwischen Animateur und Oberlehrer sind allerdings viele pädagogische Facetten möglich. Doch Folz wehrt ab: „Ich benutze das Wort Pädagogik bewusst nicht. Ich sehe mich als Musikvermittler. Ich habe weder Didaktik noch Pädagogik studiert.“ Er habe allein durch Erfahrung gelernt, mit Menschen umzugehen. „Meine Art als Musiker zu leben, muss etwas sein, was die Leute fasziniert.“ Sein Geheimnis: „Du willst Leute begeistern, für etwas, was dich begeistert.“ Sein anderes Geheimnis: „Man muss immer versuchen, alle mitzunehmen. Ihnen das Gefühl vermitteln, dass jeder im Chor Verantwortung hat .“

Erfolg oder Misserfolg

Es gibt Chöre, die singen stets vor ausverkauftem Haus und sind erfolgreich – obwohl sie nicht perfekt klingen. Woran liegt’s? Am genialen Chorleiter? Martin Folz hat eine andere Beobachtung gemacht. „Bei Chorwettbewerben sieht man, warum ein Chor überzeugt hat. Da wird das Singen gelebt und gestaltet. Die Magie entsteht, wenn die Sänger zusammenarbeiten und mit der Seele dabei sind. Sie müssen glaubhaft sein. Der Funke muss überspringen.“ Folz ist davon überzeugt, dass ein Chor immer dann besonders gut ist, wenn er gemeinsam gewachsen ist.

Charisma und Quintessenz

Braucht ein Chorleiter heutzutage nicht eine große Portion Charisma, um Sänger dauerhaft an sich zu binden? „Das ist nicht wichtig“, protestiert Martin Folz. „Wichtig ist, etwas zu geben, was dich für Menschen unverwechselbar und einzigartig macht.“ Punkt!