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"In einem wirklich guten Krimi geht es nicht um das Verbrechen"

"In einem wirklich guten Krimi geht es nicht um das Verbrechen"

Krimis aus Schweden erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Auch Christoffer Carlsson reiht sich mit seinem Roman "Der Lügner und sein Henker" in diese Tradition ein.

Trier/Stockholm. Autor Christoffer Carlsson sprach mit Redaktionsmitglied Lisa Bergmann über die Faszination des Verbrechens, die Fragen der Menschheit und ein Genre als Schicksal.

Warum gerade Krimis?
Christoffer Carlsson: Seit ich als Kind Enyd Blyton las, finde ich, dass Geschichten über Verbrechen einfach die spannenderen sind. Natürlich habe ich auch anderes gelesen, die großen Klassiker zum Beispiel. Aber am Ende hat es mich immer wieder zu den Krimis gezogen. Denn in einem wirklich guten Krimi geht es gar nicht um das Verbrechen.

Das ist eine überraschende These. Wie kommen Sie darauf?
Carlsson: Das Verbrechen ist lediglich ein Katalysathor, der Ausdruck von etwas anderem, Größerem -Liebe, Freundschaft, Loyalität oder Grausamkeit. Das sind die Themen, die ein Krimi eigentlich transportiert, die großen Fragen der Menschheit. Durch das Verbrechen werden sie natürlich extrem überzeichnet.

Sie befassen sich nicht nur in ihren Büchern, sondern auch akademisch mit dem Verbrechen. Warum fiel ihre Wahl auf das Studienfach Kriminologie?
Christoffer Carlsson: Ich hab die Kriminologie gewählt, weil ich die Gesellschaft verstehen wollte. Denn meiner Meinung erfüllt ein Verbrechen immer ein Stück weit auch eine Funktion für die Gesellschaft, in der es geschieht. Nicht alle, aber viele Delikte sind ein Zeichen, das die Gesellschaft in einem bestimmten Bereich versagt hat. Nehmen Sie etwa Raub oder Diebstahl - solche Verbrechen können Ausdruck großer Armut sein. Und grundsätzlich erinnern uns Verbrechen immer daran, wo die Grenzen sind, die wir besser nicht überschreiten sollten.

Können Sie sich vorstellen, etwas anderes als Krimis zu schreiben?
Carlsson: Um ganz ehrlich zu sein, ich habe das schon versucht. Demnächst veröffentliche ich ein Jugendbuch. Das war nicht als Krimi geplant, aber jetzt gibt es eben doch ein Verbrechen. Ich folge beim Schreiben keinem strikten Konzept, die Geschichte entwickelt ein Eigenleben. Dass sich alle meine Geschichten zum Krimi entwickeln, könnte durchaus bedeuten, dass dieses Genre mein Schicksal ist.

Warum ist gerade der schwedische Krimi so beliebt?
Carlsson: Ich denke, da spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Zum einen ist da dieser Kontrast, den die ausländischen Leser vermutlich empfinden. Schweden gilt vielen als eine Art Paradies, als Inbegriff des Sozialstaates und der Gleichheit. Dazu kommt die malerische Landschaft. Und trotzdem geschehen auch hier Verbrechen. Aber davon abgesehen glaube ich auch, dass Schweden einfach die besten Autoren in diesem Genre hat.

Wie kommen Sie darauf?
Carlsson: Wir haben hier eine lange Tradition von Autoren, die unheimlich gute Geschichten schreiben. Dazu zählen große Namen wie Stig Larsson, Henning Mankell oder Hakan Nesser. Nachwuchs-Autoren geben sich deshalb unheimlich große Mühe, diese Tradition aufrecht zu erhalten. Wir werden ja immer daran gemessen. lbe