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Individuelles, Originelles, Unerhörtes

Individuelles, Originelles, Unerhörtes

Hoffnungsträger und Gipfelstürmer überzeugen beim letzten Abend der 24. Auflage von Jazz im Brunnenhof.

Foto: Friedemann Vetter (Ve._) ("TV-Upload Vetter"

Trier Der Trierer Sommer ist vorbei. Meteorologisch offensichtlich, musikalisch definitiv. Denn der "Regionalabend" des Jazzclubs setzte den Schlusspunkt der Open-Air-Reihe im Brunnenhof. Wobei der Begriff "regional" recht großzügig ausgelegt wurde, zumindest was die Vorgruppe angeht. Das Robbi-Nakayama-Trio machte den Anheizer des Abends mit dem Namensgeber am Keyboard, dem Aschaffenburger Bassisten Stephan Deller und Marius Wankel am Schlagzeug. Die beiden erstgenannten Musiker studieren in Leipzig, der Münchner Wankel in Würzburg. Immerhin ist Nakayama gebürtiger Trierer und HGT-Absolvent, da passt's dann wieder.
Doch alle Wege führten sie aus der Ferne nach Trier, wobei dem Gast aus München ein besonderes Lob gebührt, war er doch einen Tag vorher für den erkrankten Philippos Thönes eingesprungen. Dass er nur "Ersatzmann" war, merkte man dem Triospiel allerdings in keiner Minute an. Die Musiker ("Wenn ich mir vorstelle, dass die drei zusammengenommen jünger sind als ich", betrauerte Jazz-Club Leiter Nils Thoma in seinem Moderatoren-Abspann die eigene Reife) hörten aufmerksam aufeinander, ergänzten ihre Partner, sorgten für Nummern aus einem Guss.
Die Kompositionen stammen durchweg von Nakayama, der sie mit teils poetischen, teils skurrilen Titeln versah, deren Bedeutung er allerdings nur unter vier Augen verraten wollte. Aber auch ohne den Hintergrund der Entstehung erfahren zu haben, darf man wohl behaupten, dass der Komponist die eigene Stimme, die eigene Klangfarbe noch nicht so recht gefunden hat. Nakayama pickt sich ein paar Takte aus dem Oeuvre der großen Vorbilder von Bley über Corea bis Taylor auf der Suche nach dem eigenen Weg durch das Dickicht der musikalischen Vielfalt. Zugegeben, ein Schüler ist kein Meister, ein Student kein Professor. Warten wir also gespannt auf das nächste Nakayama-Konzert: Da wird dann - hoffentlich - das Individuelle, Originelle, vielleicht sogar auch Unerhörtes von der Bühne kommen.
Also das, was Thomas Bracht längst für sich gefunden hat. Der Traben-Trarbacher kommt zwar unüberhörbar aus der Fusion-Pop-Funk-Ecke, hat sich dort aber einen individuellen Ton erarbeitet, in dem der Latin- und Ethno-Jazz ebenso wie elektronische Klänge eine Rolle spielen - und hin und wieder swingt es auch ganz ordentlich, was zumindest einen Besucher dazu veranlasste, solistische Tanzeinlagen vor der Bühne zu absolvieren. Für Bracht war es quasi eine Art Heimspiel mit Erfolgsgarantie, denn einige der Songs, die er für sein Programm im Brunnenhof ausgewählt hat, haben ihre Wirksamkeit bereits auf der vor zwei Jahren erschienenen CD "unterwegs" bewiesen - das orientalisch beeinflusste "Road to Marneuli" etwa, der "Freedom Nature Dance", oder die Aufforderung zum Tanz "Shake your Bones".
Zwei aus der Studiomannschaft hat er auch an diesem Abend dabei: die für solide Grundierung sorgenden Bassisten Tobias Fritzen und Schlagzeuger Konrad Matheus. Der Percussionist Fred Noll dagegen bringt einen neuen Klang ins Programm, zumal wenn er zum Euphonium greift und dem Song "Prophett" (den Bracht ausdrücklich mit zwei t geschrieben wissen will) mit ebenso aufgerauten wie weichen Tönen akustische Kontur verleiht.
Sozusagen als "primi inter pares" treten der (in Köln lebende) Merziger Saxofonist und Klarinettist Sven Decker auf, den Bracht als "jungen Wilden" seiner Instrumente ankündigt, sowie der (in Zürich heimische) Braunschweiger Posaunist und Echo-Preisträger Nils Wogram als "internationalstes" Mitglied des Ensembles. Bei ihren Soli halten sie vorübergehend die Fäden in der Hand und die Spannung aufrecht mit langen, weit ausholenden Bögen bis zum Ende des jeweiligen Songs. Während Decker die Klangfarben seiner diversen Instrumente (von Bassklarinette bis Tenorsaxofon) nutzt, um den Kompositionen seinen individuellen Stempel aufzudrücken, reicht Wogram die Posaune, um eine klangfacettenreiche Brücke zwischen Bebop und avantgardistischen Elementen zu bauen. Nach wie vor unüberhörbar ist sein großes Vorbild Albert Mangelsdorff. Wogram hat sich dessen Experimentierfreude abgeschaut und in sein sehr individuelles Spiel integriert, das die Zuhörer in den etwas schütter besetzten Stuhlreihen mit viel Applaus bedachten.
Decker, Wogram und die Bracht-Band - sie haben an diesem kühlen Abend der Brunnenhof-Reihe dem Publikum ganz schön eingeheizt - und bei dieser letzen Vorstellung der 24. Auflage Maßstäbe gesetzt für das Silberjubiläum im kommenden Jahr.