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Internationale Festival für Aktuelle Klangkunst in Trier

Internationales Festival für Aktuelle Klangkunst in Trier : Fabelhafte Interpreten bei wenig Innovation

Das Internationale Festival für Aktuelle Klangkunst, Opening 22, in der Trierer Tufa glänzte vor allem durch herausragende Künstler.

Der Einstieg hätte nicht passender sein können: Mit John Cages  „Sonatas & Interludes“ begann am Wochenende in den Trierer Viehmarktthermen vor etwa 500 Gästen Opening 22 das Internationale Festival für Aktuelle Klangkunst. Der „Erfinder“ (wie ihn sein Lehrer Arnold Schönberg nannte) neuer Tonsprachen und Überwinder musikalischer Hierarchien gilt als einer der einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. „Alles ist Musik“ – so sein Diktum. Mit den Klaviersonaten, die während einer Lebenskrise unter dem Einfluss indischer Spiritualität entstanden, wurde in Trier ein Hauptwerk des Amerikaners als Video-Musik-Performance aufgeführt (Ji-Youn Song Klavier, Joey Arand, Video). Dass sich traditionelle Hörgewohnheiten ständig verändern und hinterfragt werden müssten, betonte auch Oberbürgermeister Wolfram Leibe zur Eröffnung des Festivals in der Tufa. Das sozio-kulturelle Zentrum richtet das von der Stadt Trier veranstaltete Festival in Zusammenarbeit mit der Trierer Gesellschaft für Aktuelle Klangkunst alljährlich aus. Man sei stolz auf das Festival, erklärte der Stadtchef. Die Auseinandersetzung mit Neuer Musik sei eine intellektuelle Herausforderung. „Stellen wir uns ihr“, forderte Leibe. Grüße des Schirmherrn, Kulturstaatssekretär Jürgen Hardeck, richtete die scheidende  Tufa-Geschäftsführerin Teneka Beckers aus. Seit mehr als 20 Jahren widmet sich das Festival der Neuen Musik. In diesem Jahr hatten die beiden künstlerischen Leiter Bernd Bleffert und Thomas Rath ein Programm zusammengestellt, das vor allem durch die Qualität der Interpreten glänzte. Allen voran Lucas Fels. Der international renommierte Cellist beeindruckte im neuen Werk „Rare Earth“ der Neuseeländerin Dorothy Ker, die selbst anwesend war, und anderen Kompositionen durch seine hochsubtilen Klangausformungen und sein feines Gespür für Rhythmus und Linie.

Virtuoses Gitarrenquartett Virtuose Meister ihres Instruments sind auch die Musiker des Aleph Gitarrenquartetts, die einmal mehr in Trier mit Klangfülle und -vielfalt ihres Instruments beeindruckten. Zum wirbelnden Sturm wurde das Gitarrenspiel in Mauricio Sotelos „Un mar de terra bianca“. Ein Psychogramm von Aggressionen war Manuel Hidalgos „Kampftanz“. Die Brücke zwischen Ost und West schlugen Naoko Kikuchi an der Koto und der fabelhafte Marc Boukouya, wobei die voluminöse Posaune leider fast durchgehend die zierlichen Zither-Klänge erschlug. Eine ausgesprochene Rarität war die Vertonung von Hölderlin-Gedichten durch den Wiener Zwölf-Ton-Musik- Pionier Joseph Matthias Hauer, die Christine Fausten zum Akkordeon wunderbar einfühlsam vortrug. Ausdrucksstark: John Cages „Forever and Sunsmell“ mit Einat Aronstein (Sopran) und Oded Geizhals (Schlagwerk).

Eine Uraufführung Das Crossover von Tanz, Theater und Musik stand mit der Uraufführung des Musiktheaterstücks „Das Schweigen der Dafne“ auf dem Programm (Text: Georg Beck, Musik und Inszenierung: Christina C. Messner). Dem Stück liegen der Mythos des von Eros mit unerfüllter Liebe zur Nymphe Daphne bestraften Gottes Apoll sowie der Mord an der maltesischen Investigationsjournalistin Daphne Caruana Galizia durch mächtige Feinde zugrunde. Eigentlich eine Steilvorlage für Regisseure, um Ebenen übereinanderzulegen und zu vernetzen. Statt zu verdichten, präsentierte Messner allerdings spannungsloses Nebeneinander, bei dem sie quasi alle dramaturgischen Möglichkeiten im Umgang mit Raum, Personenführung und Musik verschenkte. Da half auch der schreiende, sich am Boden krümmende Apoll (Alexander Steindorf)  nichts, der sich eingangs im Astronautenanzug in der scheinbaren Schwerelosigkeit bewegte. Ebenso wenig wie die augenscheinlich unbeteiligt tanzende Daphne (Anna Magdalene Beetz) und die belanglose Orchestrierung. Einen starken Moment hat die Inszenierung, wenn das Schweigen klingt oder eine Wand von Trenchcoat-Trägern  zur Drohkulisse wird. Ob Apoll seinen Schlachtruf: „Zu Neuem nur durch mich“ angesichts der Inszenierung ernst meint, sei dahingestellt. Ein Festival wie Opening über Jahrzehnte zu erhalten, ist ohne Frage verdienstvoll. Allerdings zeigte sich neuerlich, was sich als Entwicklung bereits in den letzten Jahren abbildete: Statt Neues zu wagen, widmet sich das Festival inzwischen vor allem der Pflege etablierter moderner Tonsprachen und Ästhetiken. Von Experimentellem oder Mut zum Risiko war auch in diesem Jahr keine Spur. Cages präpariertes Klavier, das unmittelbare Spiel auf den Saiten, können inzwischen als klassisch gelten.

 Weltklasse-Cellist Lucas Fels beeindruckt im neuen Werk „Rare Earth“ der Neuseeländerin Dorothy Ker das Publikum in der Tufa Trier.
Weltklasse-Cellist Lucas Fels beeindruckt im neuen Werk „Rare Earth“ der Neuseeländerin Dorothy Ker das Publikum in der Tufa Trier. Foto: TV/Eva-Maria Reuther

Inzwischen sind die technische Entwicklung, von der die musikalische wie jede künstlerische Ästhetik entscheidend beeinflusst werden, weiter fortgeschritten, ebenso wie das Kunstverständnis. So haben Elektronik und Digitalisierung neue Klangtexturen, Tonsprachen und Kompositionsformen  hervorgebracht. Die Verschränkung von Hochkultur, Alltags- und Pop-Kultur sind an der Tagesordnung. Auch das müsste in ein Festival eingehen, das sich diskursiv der Herausforderung einer neuen Musik stellt. Zum Abschluss: Auszüge aus dem Klavierwerk von Wolfgang Rihm im Dommuseum.