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Internationales Handschriftenzentrum Trier vor der Gründung

Geschichte : Neue Wertschätzung für alte Schriften

In der Trierer Schatzkammer liegen neben dem Unesco-Weltdokumentenerbe „Codex Egberti“ unermesslich wertvolle Handschriften, die vielfach älter als 1000 Jahre sind. Mit der Gründung eines Internationalen Handschriftenzentrums wollen die Verantwortlichen für mehr Wertschätzung der Originale und mehr Forschung sorgen.

In einer Stadtbibliothek vermuten die wenigsten Besucher wertvolle Handschriften aus dem Mittelalter, geschweige denn ein Stück Weltdokumentenerbe, wie es der „Codex Egberti“ in der Trierer Schatzkammer darstellt. Auch für einen der vielen anderen bibliophilen Schätze dort, das „Ada-Evangeliar“, läuft gerade der Antrag auf den Titel der Unesco. Trotzdem rangieren die teils mehr als 1000 Jahre alten Bücher und Urkunden bei vielen Einheimischen und Gästen nicht unter den Top-Adressen der Stadt, die ohnehin mit Kulturerbe reich gesegnet ist. Das soll nicht so bleiben.

„Wir möchten ein internationales Zentrum für Handschriftenforschung begründen“, sagt Professor Michael Embach, Direktor der Bibliothek. Gemeinsam mit der Stadt möchte er die Forschung an den Objekten forcieren und damit ihren kulturhistorischen Wert stärker herausstellen. Im städtischen Kulturausschuss stieß Embachs Anliegen bereits auf Wohlwollen, nun muss der Trierer Stadtrat es noch bewilligen. Da sich an der Trägerschaft durch die Einrichtung, die sich im vergangenen Jahr in „Wissenschaftliche Bibliothek“ umbenannte, nichts ändern soll und die Finanzierung nur durch Umschichtungen im eigenen Haushalt geplant ist, sind Einwände kaum zu erwarten. Später, so schätzt Embach, werde es auch darum gehen, wie bei Hochschulen üblich Drittmittel einzuwerben.

Zunächst hilft der neue Name, den internationalen Rang der vorhandenen Handschriften sichtbar zu machen. Sie markieren zum Teil den künstlerischen Höhepunkt der karolingischen und der ottonischen Epoche und gehören zum kulturellen Erbe des Mittelalters. Hinzu kommen seltene Werke aus dem frühen Buchdruck. Als neues Zentrum würde die Bibliothek auch selbst Forschungen anstoßen und zur stärkeren wissenschaftlichen Beachtung der eigenen Schätze beitragen. Sie könnte, so die Idee, Tagungen veranstalten zu Themen rund um die vorhandenen Quellen und auch mit Hilfe kleinerer Stipendien die Arbeit mit und über die wertvollen eigenen Werke voranbringen. „Wir sind da nicht mehr nur die Stelle, die vermittelt und darauf wartet, dass andere kommen“, so Embach, „sondern wir machen es selbst. Wir betreiben die wissenschaftliche Vermarktung unserer Bestände selbst“.

Laut Embach kann der Wert einer historischen Original-Überlieferung trotz der Digitalisierung, an der sich die Bibliothek intensiv beteiligt, durch nichts ersetzt werden. „Das Original wird an Bedeutung nie verlieren“, ist der Philologe überzeugt. „Und wird immer die letzte Anlaufstelle sein, um das Geheimnis von bestimmten Objekten zu lüften.“

Wichtige Kooperationspartner sind die Universität Trier, wo Lehrveranstaltungen sich auf Themen rund um die Trierer Handschriften beziehen können, sowie renommierte Wissenschaftler von der Stiftsbibliothek St. Gallen, der Nationalbibliothek in Paris, aus Cambridge und Harvard, die schon ihre Bereitschaft zur Mitarbeit in einem Beirat signalisiert haben. Auch  Universitätspräsident Michael Jäckel zeigt sich auf TV-Nachfrage aufgeschlossen: Für ihn ist das geplante Handschriftenzentrum „wieder ein Beispiel für ,In Trier trifft kulturelles Erbe auf moderne Wissenschaft’. Die Universität Trier kooperiert seit vielen Jahren mit der Wissenschaftlichen Bibliothek der Stadt Trier“, so Jäckel. „Die Gründung des Handschriftenzentrums steht auch in dieser Tradition. Ein offizielles Kooperationsabkommen steht kurz vor der Unterzeichnung. Insgesamt fügt sich daher das neue Vorhaben gut in die bisherige Zusammenarbeit.“

Wer sich für einzelne Handschriften interessiert, kann (außer während Corona) die Ausstellung in der 2014 eröffneten Schatzkammer besuchen – oder sich um einen Zugang zur Digitalversion bemühen. „Wir haben eine rege wissenschaftliche Nutzung“, erzählt Embach. Sein Wunsch ist, „den Wert der Originalüberlieferung im Bewusstsein der Leute zu erhalten oder das Bewusstsein dafür neu zu schärfen“. Digitalisierung und Pflege der Originalüberlieferung seien „zwei Seiten einer Medaille“.