Interview „Ich möchte doch nicht als brutaler Mensch gelten“

Köln · Der international renommierte Architekt Gottfried Böhm starb am Mittwoch im Alter von 101. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) wiederholt aus diesem Anlass ein Interview zu seinem 100. Geburtstag am 23. Januar 2020.

 Architekt Gottfried Böhm in einer undatierten Aufnahme. Er wurde durch spektakuläre Kirchenbauten wie den Pilgerdom in Neviges bei Düsseldorf berühmt.

Architekt Gottfried Böhm in einer undatierten Aufnahme. Er wurde durch spektakuläre Kirchenbauten wie den Pilgerdom in Neviges bei Düsseldorf berühmt.

Foto: dpa/-

Herr Böhm, Sie werden am 23. Januar 100 Jahre alt. Wie fühlen Sie sich?

GOTTFRIED BÖHM Sehr, sehr alt. Wie ich mich bewege und wie ich wackele. Ich kann mir noch nicht mal mehr einen Kaffee kochen. Aber ich habe eine liebe Pflegerin, die mir hilft.

Freuen Sie sich am Leben trotz der Beschwernisse?

BÖHM Es macht mir schon noch ein bisschen Spaß. Wenn ich so von Ihnen gefragt werde und man sich für mich interessiert – das finde ich schon nett. Aber leider wird alles so schwierig, auch das Denken. Manchmal brauche ich eine Ewigkeit, bis mir ein Name einfällt.

Wie feiern Sie denn Ihren runden Geburtstag?

BÖHM Mit meinen Söhnen. Und der Kölner Diözesanbaumeister Martin Struck organisiert eine Messfeier in Kolumba. Ich finde das ein bisschen komisch, schließlich bin ich kein Heiliger. Trotzdem ist es irgendwie toll, dass sie das machen wollen.

Der Jubiläums-Gottesdienst in dem vor zwölf Jahren eröffneten Kunstmuseum Kolumba hat ja seinen Grund. In dem Komplex integriert ist die Kapelle „Madonna in den Trümmern“, die Sie nach dem Krieg in den Ruinen der Kölner Pfarrkirche Sankt Kolumba errichtet hatten ...

BÖHM ... das ist das erste, was ich gemacht habe. Und es bedeutet mir sehr viel. Das Projekt hat mich damals sehr beeindruckt.

Finden Sie es gelungen, wie die Kapelle in den Museumsbau einbezogen wurde?

BÖHM Das finde ich gar nicht gut. Es ist schade, dass die Kapelle völlig eingebaut und aus dem Stadtbild herausgenommen ist. Und die von Ludwig Gies entworfenen Chorfenster sind ganz ins Abseits geraten; in sie fällt gar kein richtiges Licht mehr hinein.

Als zentrales Werk von Ihnen gilt der Mariendom in Neviges. Manche fremdeln mit dem wuchtigen Betonbau und sprechen von einer brutalistischen Architektur. Wie denken Sie darüber?

BÖHM Ich lese gerade das Buch „Sakralbauten der Architektenfamilie Böhm“. Da ist auch von dem Brutalismus die Rede. Das beschäftigt mich im Moment leider ziemlich stark. Ich möchte doch nicht als brutaler Mensch gelten, einer der brutalistisch baut. Nur weil ich Beton verwende? Sind Kirchen in Granit dann auch brutalistisch? Mir geht es um Wärme. Das möchte ich haben: Dass meine Bauten innen drin und auch außen Wärme ausstrahlen.

Ihr Vater war Architekt, Ihre verstorbene Frau war Architektin, drei Söhne sind Architekten. Wie kriegt man da Familie und Beruf harmonisch zusammen?

BÖHM Das ist mitunter sehr lebendig und spannend. Natürlich sind wir nicht immer einer Meinung. Aber die Unterschiede sind nicht so gewaltig, dass wir da nicht wieder zusammenkommen. Oft ist ja auch was dran an dem, was sich der andere gedacht hat. Manchmal wundere ich mich, dass das Gespräch so gut läuft.

Sie haben viel mit Beton gearbeitet. Was ist der Baustoff der Zukunft?

BÖHM Ich glaube, das ist auch Beton. Betonartige Gebäude gab es übrigens schon in frühchristlicher Zeit. Jetzt wird ja auch viel Holz verwendet. Das ist auch ein schönes Material. Mir kam es aber früher immer ein bisschen altmodisch vor. Auch ist Holz ziemlich feuergefährlich und droht, relativ schnell zu verderben. In München habe ich ein Haus aus Holz gebaut, das nach 50 Jahren abgerissen wurde.

Sie haben besonders in der Nachkriegszeit sehr viele Kirchen gebaut ...

BÖHM ... das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Ich habe ja noch erlebt, dass Kirchen immer zu klein waren und die Gemeinden mehr Platz haben wollten. Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten komplett verändert. Wenn ich sonntags in die Kirche gehe, sehe ich dort meistens nur ältere Leute.

Nicht mehr benötigte Kirchen werden anders genutzt oder abgerissen. Ist das hart für Sie?

BÖHM Ein Abriss schon. Aber von meinen Kirchen ist noch keine abgerissen worden. Sankt Ursula in Hürth-Kalscheuren wird ja als Galerie für moderne Kunst genutzt. Damit kann ich leben.

Können Sie der Kirche einen Tipp geben, wie sie wieder mehr junge Menschen anziehen kann?

BÖHM Das ist schwierig. Vielleicht muss sie ihre Sprache ändern und sich der Zeit mehr anpassen. Eine Frau als Priester oder eine Päpstin – das muss kommen.

(kna)