1. Region
  2. Kultur

Interview: Chefs von Exhaus) und Popp Concerts) über die Corona-Krise

Kostenpflichtiger Inhalt: Interview: Thomas Thiel (Exhaus) und Oliver Thome (Popp Concerts) : Popp-Concerts-Chef: „Wird Jahre dauern, bis es wieder normal läuft“

Der Leiter des Exhaus-Kulturbüros und der Geschäftsführer von Popp Concerts sprechen im Interview über Kurzarbeit, Berufsverbot und blicken in die Zukunft.

(ct) Es ist momentan ruhig in der Region. Die Türen von Veranstaltungsorten wie Arena, Europahalle oder Mergener Hof bleiben aufgrund des Veranstaltungsverbotes geschlossen. Der Leiter des Exhaus-Kulturbüros, Thomas Thiel, und der Geschäftsführer von Popp Concerts, Oliver Thome, sprechen im TV-Interview über finanzielle Verluste, das Problem von Ersatzterminen und erklären, warum Rock am Ring noch nicht abgesagt wurde.

Thomas Thiel ist Leiter des Kulturbüros des Trierer Exhauses. Foto: Julia Nemesheimer

Wie waren die vergangenen Tage seit dem Veranstaltungsverbot?

THOMAS THIEL Ich glaube, bei Oliver waren sie stressiger als bei mir. Wir hatten bislang nur fünf Veranstaltungen, die wir umlegen mussten. Aber schön war es nicht.

OLIVER THOME Es hat ja von dem Verbot für Großveranstaltungen bis zum kompletten Veranstaltungsverbot nur zwei Tage gedauert. Wir hatten bislang 32 Veranstaltungen, die wir verlegen mussten – bei zwei suchen wir noch nach Ersatzterminen. Manche Veranstaltungen mussten wir komplett absagen, weil die Künstler andere Pläne haben.

Sind Ersatztermine momentan die einzige Chance für Veranstalter?

THOME Ja, aber das Problem ist, in welchen Zeitraum man geht. Wann können wir wieder veranstalten? Teilweise verlegen wir in den Herbst, haben aber auch einen Plan C, der in 2021 liegt. Im Zeitraum von Januar bis April 2021 hätten wir dann Nachholtermine – müssen aber auch andere Veranstaltungen in dieser Zeit planen. Wenn ich auf den aktuellen Plan der Arena schaue, dann sehe ich: Da ist nicht mehr viel übrig.

THIEL Die meisten Veranstalter buchen ja auch schon für 2021 reguläre Veranstaltungen. Da findet man kaum noch freie Termine.

Auch wenn ein Ausweichtermin gefunden wird, tut eine Verschiebung finanziell dennoch weh?

THOME Durch die Verlegung hat man immer Mehrkosten. Man muss zum Beispiel neue Anzeigen schalten. Je nach dem, wie knapp die Verlegung ist, muss man auch mit Ausfallkosten von Subunternehmern rechnen. Außerdem hat man die Ungewissheit, wie die Ticketbesitzer reagieren. Kommen die auch beim neuen Termin oder versuchen sie, die Karten zurückzugeben?

Wie ist da bisher das Echo?

THOME CTS Eventim (Europaweiter Marktführer im Ticketvertrieb, Anm. d. Red.) hat gerade eine Ticketstorno verhängt. Das bedeutet, dass es nicht so einfach ist, die Tickets zurückzugeben. Die wollen damit verhindern, dass jetzt alle panisch ihre Karten loswerden wollen und der Konzertmarkt kollabiert. Das Bundeskabinett hat jetzt eine Gutscheinlösung beschlossen, ähnlich wie in der Reisebranche. Kurz bedeutet das: Der Kunde bekommt einen Gutschein als Gegenwert für sein Ticket, den er bis Ende 2021 einlösen kann. Erst danach soll es eine Auszahlung geben.

THIEL Bei uns wollen alle ihr Geld zurück. Das war immer so und wird auch weiterhin so sein. Bei den Flohmärkten wollen natürlich alle ihr Geld zurück – und das bekommen sie auch. Unser Glück ist bislang, dass kleinere Shows betroffen waren. Außerdem läuft unser Ticketverkauf über CTS Eventim und Ticket Regional. Die verwalten das für uns – was uns sehr entgegenkommt. Aber: Bei den abgesagten Shows verschiebt sich das Problem nur. In dem Zeitraum, in dem die Show nachgeholt wird, hätte man eigentlich etwas anderes veranstalten können. Wir haben Glück, dass bei den kleinen Shows weniger Werbekosten anfallen.

Dennoch: Auch bei einer kleinen Show fallen Mehrkosten an.

THIEL Klar. Deswegen steht bei uns nächste Woche das Gesprächsthema Kurzarbeit an. Da wir nicht wissen, wann und wo wir weitermachen können beziehungsweise dürfen, sind das alles reine Unkosten für uns. Wenn du auf einmal keine Veranstaltung mehr machen kannst und kein Geld bekommst, ist das schon schwierig.

THOME Bei uns sind alle Mitarbeiter seit dem 23. März in Kurzarbeit. Es fällt allerdings auch jede Menge Arbeit an: Neue Termine finden, neue Verträge mit Subunternehmern, Künstlern und Hallen abschließen.  Das bedeutet eine große emotionale Belastung. Wir müssen neun Mitarbeiter und zwei Büros in Trier und Saarbrücken unterhalten. Dem gegenüber steht, dass wir momentan keine Chance haben, Geld zu verdienen. Wir sind mit einem Berufsverbot belegt. Wir können auch keinen Außer-Haus-Service anbieten, für was denn auch? Wir verkaufen eigentlich keine Tickets mehr, auch nicht für Veranstaltungen in 2021 oder Ende 2020, weil die Besucher unsicher sind, ob diese stattfinden. Unsere komplette Branche ist zum Erliegen gekommen.

Herr Thome, wie lange kann Popp Concerts das durchhalten, wie ist das Unternehmen finanziell aufgestellt?

THOME Die Kurzarbeit fängt schon einen Großteil der Personalkosten auf. Wir können das einige Monate durchhalten, weil wir unser Geld in den vergangenen Jahren zusammengehalten und auf Prestigeinvestitionen verzichtet haben.

Herr Thiel, Sie haben in einem früheren Gespräch schon die Wichtigkeit des Summerblast Open Air im August angesprochen. Hängt die Zukunft des Exhauses an diesem Festival?

THIEL Wenn es staatlich, also wegen eines Verbotes aufgrund von Corona abgesagt wird, dann wird es keine Vollkatastrophe, weil wir dann aus den Vertragsstrafen rauskommen. Dennoch wäre das eine große finanzielle Einnahme, die wegbricht. Mit der haben wir in unserem Insolvenzplan gerechnet – das tut schon sehr weh. Der Finanzplan, den man dabei gemacht hat, ist komplett über den Haufen geworfen.

THOME Selbst wenn man die Veranstaltungen durchführen darf, fehlen drei bis vier Monate Vorverkauf. Die bekommt man nicht aufgeholt.

Selbst wenn Ende des Jahres wieder Veranstaltungen stattfinden, mit wie viel Prozent weniger Besuchern rechnen Sie?

THOME Das ist reine Spekulation, weil wir nicht wissen, wie die Menschen auf eine solche kulturelle Durststrecke reagieren. Das ist auch von der Zielgruppe abhängig. Bei jungen Veranstaltungen sind die Leute heiß, wieder vor die Bühne zu kommen. Aber wie reagiert das ältere Publikum, die Risikogruppe? Sind die zurückhaltender? Der harte Kampf wird erst beginnen, wenn das Konzertgeschäft wieder aufgenommen wird.

Also kommt die härteste Zeit noch?

THOME Ja. Wir haben schon Verträge für den Herbst, den Winter und für 2021. Die musst du bezahlen, weil die Veranstaltungen stattfinden. Wenn dann aber 30 bis 40 Prozent der Ticketeinnahmen fehlen, dann wird es schwierig, die Veranstaltungen zu finanzieren. Es wird Jahre dauern, bis das Geschäft wieder normal läuft.

THIEL Selbst wenn wir im Sommer wieder veranstalten dürfen, heißt das nicht, dass die Leute auch kommen. Vielleicht ist den Besuchern das Risiko dann noch zu hoch. Wenn dann nächstes Jahr wieder alles „normal“ läuft, findet viel auf einen Schlag statt. Den Besuch so vieler Veranstaltungen kann sich nicht jeder leisten. Das wird ein Massenkampf.

Können Sie abschätzen, wann wieder Veranstaltungen stattfinden?

THIEL Vom Gefühl her nicht vor Ende Juli. Aber fest kann das keiner sagen. Wir verlegen momentan alle Mai-Shows. Selbst wenn eine Sommersaison stattfinden darf, kann es sein, dass Bands aus dem Ausland nicht einreisen dürfen.

THOME Ich glaube, dass im Juni nichts stattfinden wird. Wir sind für alle Open-Airs wie das Amphitheater Open Air ein Plan-B-Szenario am entwickeln. Ich hoffe, dass wir im Herbst wieder in der Hallensaison weitermachen können. Aber das Problem ist, dass das keiner sagen kann. Jetzt sind bis Ende April alle Veranstaltungen abgesagt, aber was ist im Mai? Erst wenn es die staatliche Grundlage für die Absage gibt, kann man handeln – und die gibt es momentan über April hinaus nicht.

Ende Juli würde für Festivals wie Rock am Ring das Aus bedeuten.

THOME Ich sehe es nicht als realistisch, dass das Festival stattfindet. Die Veranstalter warten da auf die rechtliche Grundlage. Ohne die kann man nicht absagen, weil dann keine Versicherung zahlt und man gegenüber allen Parteien schadenersatzpflichtig ist.

Wenn eine Veranstaltung – sagen wir mit 2000 Besuchern – ohne rechtliche Grundlage abgesagt wird, wie viel Geld verliert der Veranstalter?

THOME Ich kann es am Beispiel des Amphitheater Open Airs festmachen. Bei einer solchen Veranstaltungsreihe bist du schnell bei einem Gesamtrisiko von bis zu 500 000 Euro.

THIEL Man kann natürlich auf Kulanz von anderen hoffen, aber die brauchen auch ihr Geld.

Kommen Ihnen andere Unternehmen oder die Stadt entgegen?

THOME Ja. Wir sitzen alle im selben Boot, wollen alle, dass die Kultur erhalten bleibt. Da ist das Verständnis schon groß, weil das Eigenverschulden gleich Null ist. Bands haben das gleiche Problem. Wenn denen Shows wegbrechen, kann es sein, dass der Rest der Tour nicht mehr finanzierbar ist. Ich kann mir vorstellen, dass es in den nächsten Wochen einen Tenor gibt, der sagt: Lass uns die Shows im Sommer 2020 abblasen und gesammelt 2021 nachholen.

Abschlussfrage an Herrn Thiel: Am Exhaus hängt natürlich mehr, als die Konzerte. Können Einrichtungen wie der Kinderhort diese Krise überleben?

THIEL Beim Kinderhort muss man sich keine Sorgen machen. Das ist einer der einzigen Bereiche bei uns, der ausfinanziert ist. Das wird normal weiterlaufen. Die Jugendbetreuung wird natürlich schwerer, weil wir nicht mit vielen Kindern zusammen sein dürfen. Wir dürfen Einzelbetreuungen machen, aber hier stehen jeden Tag Kinder vor der Tür, die ich wegschicken muss. Diese Bereiche wurden auch durch die Kultur finanziert. Da das wegfällt, kann ich da momentan keine Prognose abgeben. Es wird ein schweres Jahr für uns.