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Interview Intendant Manfred Langner und Generalmusikdirektor Jochem Hochstenbach

Theater und Corona : Auf der Suche nach der Virenoper - Trierer Intendant und Musikdirektor im Interview

Theaterleute nähen Mundschutz, schreinern Spuckwände oder helfen in der Stadt. Doch wann gehen Schauspiel, Tanz und Konzerte wieder los?

Eigentlich hätte das Trierer Theater am Donnerstag präsentiert, welche Opern, Musicals, Ballett- und Schauspielstücke in der nächsten Spielzeit auf dem Programm stehen. Doch seit dem 13. März ist das Haus wegen Corona geschlossen. Wie lange, weiß niemand. Das Gespräch mit Intendant Manfred Langner und Generalmusikdirektor Jochem Hochstenbach führten die TV-Redakteurinnen Anne Heucher und Verona Kerl via Zoom, der App für Videokonferenzen.

Herr Langner, Herr Hochstenbach, die Politik verbietet Großveranstaltungen, es herrscht das Gebot von Mundschutz und Abstandswahrung – ist damit das Ende der laufenden Spielzeit bereits besiegelt?

MANFRED LANGNER Das weiß man nicht. Ich würde erst mal sagen, nicht die Politik verbietet, sondern das Virus verbietet. Die Gesundheit der Zuschauer und der  Mitarbeiter geht über alles,  deswegen habe ich großes Verständnis für die Maßnahmen, die da passieren, auch wenn einem das Herz blutet. Aber im Augenblick kann man nicht unvernünftig sein, und je länger wir vernünftig sind, desto eher können wir das Theater wieder aufmachen. Ob damit die Spielzeit  komplett  besiegelt ist, kann man jetzt noch nicht sagen, wir entscheiden immer wieder nach dem, was aus Berlin und Mainz und von unserer Stadtspitze angeordnet wird.

Was wird denn bis Ende der Spielzeit im Theater noch stattfinden? Gibt es etwas, wovon wir schon ausgehen können?

LANGNER Nein. Man kann nicht zusagen, dass irgendetwas stattfindet. Ich glaube, man kann schon relativ ausschließen, dass große Produktionen stattfinden werden. Das sagt einem nicht die Politik, sondern der Menschenverstand, dass jetzt kaum denkbar ist, dass wir eine Oper spielen,  bei der viele Musiker im Raum sind und viele Sänger auf der Bühne, und die Zuschauer im Saal  – das wäre zu gefährlich, was die Infektionsgefahr angeht. Aber ich kann nicht ausschließen, dass wir vielleicht noch kleine Produktionen vor wenigen Zuschauern machen können. Wir sind nebenbei nicht untätig, sondern bereiten auch kleinere Sachen vor.

Das Musiktheater und die Sinfoniekonzerte trifft die aktuelle Situation wohl am härtesten, da in diesen Bereichen Online-Proben mit vernünftigem Üben nur sehr eingeschränkt möglich sind.  Herr Hochstenbach, wie erleben Sie im Moment Ihren Beruf als Generalmusikdirektor? Wie planen Sie, wie bereiten Sie sich auf die weiteren Monate vor?

JOCHEM HOCHSTENBACH Gute Frage. Das Künstlerherz, das blutet heftig. Natürlich menschlich ist völlig klar, dass man die Situation so nehmen muss, wie sie ist. Als Dirigent würde ich gerne heute wieder anfangen zu proben. Ich vermisse die Proben heftig, und ich würde sie auch nicht gern anders machen wollen. Es ist tatsächlich fürs Orchester am schwierigsten, in dieser Situation zu funktionieren, weil  man sich als Gruppe nicht treffen kann. Auch wenn wir alle mit Mundschutz und eineinhalb Meter Abstand arbeiten würden, ginge das ja nur für Streicher und Schlagzeug, aber nicht für Bläser. Aber so weit sind wir noch nicht einmal. Planen ist sehr sehr schwierig. Jetzt suche ich für die Sinfoniekonzerte und auch mit Jean-Claude Berutti für die Oper nach zukünftigen Alternativen, um, sobald wir wieder mit wenigen Leuten etwas machen können, wir kleine Kammeropern oder Opern, die man vielleicht stark reduzieren kann, zu spielen. Es kann auch sein, dass man sagt, es geht nur mit zwei Leuten, dann müsste ich selbst das Orchester am Klavier spielen. Ich muss alle Optionen und Szenarien offenhalten.

Was machen Sie konkret zurzeit?

HOCHSTENBACH Das Erste, was wohl viele Menschen gemacht haben, ist, die Dinge, die noch anstanden, zu erledigen.  Jetzt mache ich mich schlau, was es eigentlich so an ungewöhnlichem Repertoire gibt. Beim Musiktheater schöpfen wir zum großen Teil aus dem gängigen Repertoire. Jetzt muss man umdenken. Da gibt es Musik, die wir sonst in kleineren Besetzungen oder kleineren Räumen nicht spielen würden und die man dadurch auch nicht so gut kennt. Man erweitert seinen Horizont, und ich höre mir viele Sachen an. Ich sammele und mache tolle Entdeckungen.

Sie bereiten sich also auf den Moment vor, ab dem Sie wieder etwas tun dürfen, selbst wenn es ohne Bläser und ohne Sänger wäre?

HOCHSTENBACH Wir geben die Hoffnung ja nicht auf, dass wir doch mit Bläsern spielen dürfen. Ich muss mir alle Optionen offenhalten – ob mit einer Person oder mit 100 Personen wieder spielen zu dürfen. Wir waren mitten in den Proben zum „Rosenkavalier“ – es ist künstlerisch ganz schrecklich, darin so plötzlich aufzuhören. Dieses Stück lässt mich nicht los.

Die Spielzeit war bis Mitte März extrem erfolgreich. Wie war die Auslastung des Theaters bis zur Schließung wegen Corona?

LANGNER Die Spielzeit war sehr erfolgreich. Wir hätten, wenn alles gutgegangen wäre, die Zahl von 115 000 Zuschauern aus der letzten Spielzeit geknackt. Mit dem 13. März ist das abgebrochen. Wir haben bis dahin eine Platzauslastung gehabt über alle Sparten hinweg von fast 90 Prozent, also wirklich sehr hoch. Die Spielzeit wäre wohl auch sehr erfolgreich weitergelaufen, denn wir hatten schon viele Karten verkauft für die Zeit jetzt, in der wir nicht spielen können. Insofern ist das natürlich besonders bitter für uns. Und bitter auch für alle Theaterfreunde, weil wir die Produktionen jetzt erst mal nicht zeigen können. Aber wir planen für alle Eventualitäten. Ein Teil des Planes ist auch, Produktionen, die jetzt erfolgreich gelaufen sind und die wir abbrechen mussten, weiterzuführen, sobald wir das können. Ob das der „Figaro“ ist oder „Oliver“ oder „Tanz auf dem Vulkan“ .

Wie viele Tickets wurden zurückgegeben ?

LANGNER Bisher für 51 Veranstaltungen. Wir erstatten natürlich die Eintrittskarten. Es gibt auch Theaterfreunde, die auf die Erstattung verzichten, einfach um das Theater zu unterstützen.

Wenn Leute spenden, kommt das denn tatsächlich beim Theater an, oder verschwindet das Geld im allgemeinen Haushalt?

LANGNER Nun ja, es verschwindet ja nicht, aber wir sind natürlich ein Teil des städtischen Haushalts. Wenn jemand gezielt das Theater oder auch einen bestimmten Bereich wie das Ballett unterstützen möchte, empfehle ich immer eine Spende an unseren Förderverein. Die „Gesellschaft der Freunde des Theaters“ stellt sicher, dass das Geld auch genau für diesen Zweck ankommt.

Sie haben gesagt, Sie gucken, was machbar ist. Und Sie wollen Produktionen aus dieser Spielzeit in die nächste retten. Wie brechen Sie den geplanten Spielplan wieder auf?

LANGNER Es wäre ein Jammer, wenn wir zum Beispiel den „Rosenkavalier“, der jetzt kommen sollte, nicht spielen würden. Eine halbfertige Produktion. Roberto Scafati hatte eine Produktion, die wir bis zur Generalprobe gebracht haben und am Tag der Premiere nicht mehr spielen konnten. Es wäre jammerschade, diese Produktion nicht zu zeigen. Nun wissen wir auch jetzt noch nicht, was in der nächsten Spielzeit ist. Insofern muss ich sowieso umplanen und mit allen Möglichkeiten rechnen. Insofern ist der Plan schon, dass wir die Produktionen, die wir jetzt herausgebracht hätten oder die gerade erfolgreich liefen, weiterspielen und dafür die Planung für die Spielzeit 20/21 über den Haufen werfen und neu planen.

Wenn Sie jetzt Produktionen verschieben in die nächste Spielzeit,  setzt das voraus, dass die Künstler, mit denen Sie das machen wollen, noch in Trier sind. Ist es von Ihrer Seite aus sicher, dass alle Künstler in Trier bleiben?

LANGNER Im Musiktheater wird unser Ensemble bleiben. Darüber sind wir sehr froh. Wir haben mit allen eine Verlängerung vereinbaren können, so dass man diese großartigen Sänger auch die nächste Spielzeit erleben kann.  Beim Schauspiel wird es zwei Veränderungen geben, zwei Kollegen werden uns verlassen, zwei Kollegen werden neu kommen. Gideon Rapp hat sich aus familiären Gründen leider entschlossen, nach Stuttgart zu gehen. Paul Behrens wird uns auch verlassen nach zwei Anfängerjahren. Im Tanztheater wird es wohl auch die eine oder andere Veränderung geben, ein oder zwei Positionen sind da auch noch in der Verhandlung. Aber das sind normale Vorgänge. Im Großen und Ganzen bleibt das Ensemble beisammen, und wir können mit vielleicht zwei oder drei Umbesetzungen oder dadurch, dass wir Gideon Rapp oder Paul Behrens noch mal als Gast holen, unsere Pläne umsetzen. Wenn wir es denn können und dürfen.

Welche Perspektiven gibt es für die Sparten, die eigentlich auf große Produktionen ausgerichtet sind oder auf solche, die gerade bei Corona schwierig sind? Tanz zum Beispiel.

LANGNER Wir suchen auch nach Repertoire, das bei den großen Sparten wie Musiktheater dann eher kleine Formate wären – die suchen wir eigentlich überall. Im Tanz hat Roberto Scafati schon die Idee, dass man auch tanzen könnte mit einer Maske oder Mundschutz, wobei man da ja auch noch die Abstände einhalten muss. Wir müssen versuchen, damit kreativ umzugehen. Und auch im Schauspiel suchen wir sehr stark nach kleinen Stücken. Die wir auch zum Teil gerade proben. Klaus-Michael Nix probt gerade per Skype mit einer Regisseurin, die in Quarantäne in Tel Aviv ist, das Stück „Ein ganz gewöhnlicher Jude“. Wir versuchen, aus dieser Situation das Beste zu machen, das wir können. Und so proben wir auch mit anderen – wir haben zwei kleine Stücke aus der kommenden Spielzeit vorgezogen, zwei Ein-Personenstücke, und vielleicht erleben wir ja auch die erste Zoom-Inszenierung in Trier.

Aus Österreich hört man, Musiker dürften auftreten – allerdings keine Sänger und keine Bläser. Herr Hochstenbach, heißt das, Kammerkonzerte und kleine Besetzungen sind jetzt die Musik der Stunde?

HOCHSTENBACH Ja, das ist so. Dabei geht es nicht nur darum, was wir jetzt aufführen würden, sondern es ist auch die Frage, was jetzt gut wäre, um sich weiter zu entwickeln. Für Sänger ist es sowieso toll, wenn man die Zeit hat, sich einmal intensiver mit dem Liedrepertoire auseinanderzusetzen. Zeit, die sonst oft fehlt, wenn man auf der Bühne steht und die Stimme ganz anders einsetzen muss. Ohne die akustischen Bedingungen, die eine Orchesterbegleitung mit sich bringt, hat man die Möglichkeit, sich mehr mit intimeren kammermusikalischen Formen wie zum Beispiel Liedern zu beschäftigen. Denn diese Art von Musik fordert auch eine ganz andere Art des Musizierens. Es ist oft feiner, und man muss extrem genau hinhören. Das macht auch Spaß, weil die Musik von den großen Meistern wie Schumann, Schubert oder Wolf grandios ist. Natürlich denken wir auch daran, etwas ins Netz zu stellen, wenn wir jetzt nichts live aufführen können. Das ersetzt natürlich nicht unsere Funktion als Musiktheater. Es würde mich sehr reizen, mit Mitgliedern aus dem Philharmonischen Orchester Kammermusik zu spielen, sobald eine Lockerung in Sicht ist.

Man merkt in der Corona-Zeit, dass die Menschen sich für ganz andere Themen interessieren als vorher. Stellen Sie sich auch thematisch auf die Veränderungen ein?

HOCHSTENBACH Es muss zunächst mal etwas geben, was man aufführen kann, bevor wir so weit sind. Schön wär’s, wenn ich jetzt zum Schrank gehen könnte und schauen, welche Kammeroper es denn über Viren gibt. Wir müssen uns erst mal komplett neu sortieren. Das ist schon eine Riesen-Aufgabe. Theater stellt oft Ausnahmesituationen wie zum Beispiel Bedrohung oder Krieg dar. Aber eine direkte Virenoper habe ich leider noch nicht gefunden.

LANGNER Das Schauspiel hat‘s da ein bisschen leichter als die Kollegen vom Musiktheater. Die Frage geht mir auch durch den Kopf, und ich suche auch und habe nicht unbedingt im Bücherschrank die Virenstücke. Aber es gibt schon eine Menge Dinge, über die ich dabei nachdenke. Nun ist so ein Spielplan immer von langer Hand vorbereitet. Wir sind in einer historischen Zeit, so etwas gab es in einer so globalisierten Welt noch nicht. Und das ist schon ein Thema, das wird das Theater noch beschäftigen. Darüber wird es Stücke geben.

Wie ist jetzt der Fahrplan in Ihrem Kopf?

LANGNER Zunächst mal hängt der an Terminen, über die die Politik Entscheidungen trifft.  Ich muss zweigleisig planen, ob ich vielleicht kleine Produktionen in diesem Sommer machen kann. Ich kann mir bspw. vorstellen, dass es in einigen Wochen denkbar ist, im Großen Haus Plätze zu sperren, so dass man die notwendigen Abstände hat und  in kleinem Rahmen spielt. Es wird viele Menschen geben, die froh sind, wenn es wieder Theater gibt. Und ich muss gleichzeitig planen auf längere Sicht. Damit wir genügend Stücke in der Hinterhand haben, die wir, sobald wir dürfen, auch spielen können.

Ist  Kulturdezernent Thomas Schmitt bereits auf Sie zugekommen, um mit Ihnen ein Konzept zu erarbeiten wie das Theater schrittweise wieder geöffnet werden kann?

LANGNER Ich bin mit Herrn Schmitt und Oberbürgermeister Leibe in ständigem Austausch. Es ist aber zu früh, um über ein Konzept zu reden, wie das Theater wieder geöffnet werden kann, so lange wir alle nicht wissen, was nach dem 6. Mai passieren wird.

In diesem Jahr wird die Bilanz unverschuldet miserabel ausfallen, das Theater ins Minus rutschen. Es wird Verteilungskämpfe um Budgets geben. Daraus könnte eine neue Diskussion um den Erhalt des Theaters Trier entbrennen. Wie wappnen Sie sich?

LANGNER Wir können im Moment froh sein, dass wir in einem Land leben, wo im Großen und Ganzen die richtigen Schritte eingeleitet werden und auch die Wirtschaft gefördert wird. Es kann noch keiner sagen, was an finanziellen Lasten auf uns alle zukommt. Trotzdem mache ich mir keine Sorgen um unser Gemeinwohl. Die Notwendigkeit von Theater und von Kultur ist unumstritten. Verteilungskämpfe wären sehr kurzsichtig. Ich mache mir keine Sorgen, dass die Existenz des Theaters gefährdet ist. Wir haben in den letzten Monaten bewiesen, wie wichtig und wie erfolgreich Theater sein kann. Das Theater war immer voll. Das heißt, es gibt ein Bedürfnis. Und sobald wir das wieder dürfen, werden wir es weiter erfüllen.

Was machen die Mitarbeiter des Theaters gerade?

LANGNER Unsere Mitarbeiter arbeiten in vielen Bereichen, in denen sie sonst nicht tätig wären. Nicht nur, dass die Schneiderei Masken herstellt, die Schreiner Spuckschutze für die Ämter machen – wir haben Kollegen, die in der Zulassungsstelle arbeiten oder in der Stadtbücherei oder Menschen, die sich jetzt beim Gesundheitsamt angemeldet haben. Die Mitarbeiter des Theaters, die das gar nicht müssten aufgrund ihrer Verträge als Sänger oder Schauspieler, machen das freiwillig, weil sie gerne mithelfen möchten an vielen Stellen in der Stadt, und darauf bin ich auch ein bisschen stolz. Das heißt, die Stadt hat ein Theater, und die Menschen des Theaters fühlen sich als Bestandteil dieser Stadt und arbeiten mit.

Finden Sie, dass es einen staatlichen Rettungsschirm für Theater und Kulturbetriebe geben sollte?