interview Josef Still Domorganist

interview Josef Still Domorganist : Zum Start ein Seitenhieb auf den Brexit

Am Dienstag beginnen die Orgeltage im Trierer Dom. Das erste Konzert widmet sich ausschließlich britischer Musik.

Mit dem Mai beginnt in Trier und Umgebung die Orgelzeit. Die wird traditionell eingeleitet von den „Internationalen Orgeltagen im Trierer Dom“. Und es gehört zu dieser Tradition, dass Domorganist Josef Still im sechsteiligen Zyklus gleich zweimal auf der Orgelbank sitzt – zu Beginn am 21. Mai und zum Abschluss am 25. Juni. Das Programm im Eröffnungskonzert besteht ausschließlich aus englischer Orgelmusik. Ein  kleiner Hinweis auf den bevorstehenden Brexit? TV-Mitarbeiter sprach mit Josef Still.

Herr Still, Sie haben zum Start der Orgeltage kommenden Dienstag zu einem etwas ungewöhnlichen Vergleich gegriffen. „Duty free – zollfrei“ sei das Konzert.  Das klingt nach Brexit. War das nur ein kleiner Witz oder steckt eine künstlerische Ambition dahinter?

JOSEF STILL Etwas mehr als ein kleiner Witz ist es schon.  Im ersten  Orgelkonzert der Dom-Orgeltage spiele ich nur englische Musik  –  vor allem die große Sonate von Edward Elgar. Ich spiele aber auch Händels „Wassermusik“. Die wurde ja auf der Themse aufgeführt. Nun sind die  Unterschiede zwischen Ebbe und Flut dort sehr groß. Wenn die Flut kommt, läuft das Wasser die Themse hinauf und bei Ebbe  rasch wieder hinab. Das habe ich selber im Kajak so erlebt.
Zu Händels Zeiten ist die Gesellschaft mit der Themse aufwärts gefahren, hat gemütlich zu Abend gegessen und  dann ging es wieder zurück. Daran dachte ich, als ich die  Wassermusik beim Eröffnungskonzert ins Programm genommen habe. So eine enge Verbindung zum Brexit ist das nicht, aber eine hübsche Assoziation.

Was unterscheidet denn die englische Orgelmusik von der Musik auf dem Kontinent?

STILL Im 18. und 19. Jahrhundert hatten die englischen Orgeln kein Pedal. Das war ein erheblicher  Mangel. Mendelssohn beispielsweise konnte in England keines der großen Bach-Orgelwerke spielen, die er im Repertoire hatte, und war sehr irritiert. Das ist mittlerweile anders geworden. Die Werke Elgars oder auch von Percy Whitlock, das ist ganz große Orgelmusik. Whitlocks Sonate dauert  eine Dreiviertelstunde! Ich spiele daraus nur zwei Sätze.

Aber was die Klangvorstellungen der Komponisten angeht – gibt es da trotzdem einen Unterschied? Was unterscheidet Elgar beispielsweise von Reger?

STILL Elgar ist bei weitem nicht so dicht  wie  Reger. Und im Vergleich zu französischer Musik spielen Zungenregister bei ihm eine weitaus geringere Rolle.  Elgar kommt vom Orchester, und seine Orgelsonate ist am Instrument  aufwendig  zu registrieren;  ich brauche dafür sicherlich fünf Stunden. Eine Widor-Orgelsinfonie ist in einer halben Stunde einregistriert.

Bei unserem Interview vor einem Jahr sagten Sie, dass Sie zur reinen Lehre stehen. Also keine Bearbeitungen. Ist es dabei geblieben?

STILL Ja, das kann man so sagen.  Ausnahmen wie die Wassermusik im ersten Konzert gibt es natürlich.

Wie lange halten Sie  die reine Lehre denn durch? Irgendwann sind doch alle Originalkompositionen gespielt.

STILL Es gibt so viel gute Originalmusik, da habe ich keine Bange. Ich habe einen großen Notenschrank mit Werken, die ich noch nie gespielt habe. Allein bei den wirklich guten Stücken  hätte ich noch lange zu tun.  Die meisten Orchesterkompositionen, zum Beispiel Regers Mozart-Variationen, klingen im Original einfach besser. Warum dann Übertragungen für Orgel?

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