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Interview Kit Armstrong mit TV-Mitarbeiter Martin Möller vor Konzert in Trier

Klassik-Konzert : „Ein Programm kann eine Geschichte erzählen“

Sein Auftritt in der Trierer Konstantin-Basilika war spektakulär „Mit Kit Armstrong könnte konzertantes Orgelspiel eine neue Qualität gewinnen“, schrieb der TV nach dessen Orgel-Debüt im August 2016. Jetzt kommt Armstrong zum dritten Mal nach Trier. Und demonstriert beim Mosel Musikfestival mit einem Programm, das er gemeinsam mit dem „Ensemble Resonanz“ entworfen hat, dass er ein Musiker der Zwischentöne geworden ist.

Gemeinsam mit dem renommierten Hamburger Ensemble Resonanz hat Kit Armstrong für den „Schlussakkord“ des Mosel Musikfestivals am 3. Oktober ein Programm entworfen, das Tradition und Moderne unkonventionell kombiniert. „Wein, Weib und Gesang“ von Johann Strauß erscheint in einer Bearbeitung von Alban Berg. Berg-Lehrer Arnold Schönberg gibt den „Rosen aus dem Süden“ des Wiener Walzerkönigs ein neues Gesicht. In „Prélude, Walzer und Polka“ zeigt sich Dimitri Schostakowitsch von der unterhaltenden Seite. Und mit  den „Stücken der Windrose“  (komponiert 1989-1994) hat Mauricio Kagel einen Zyklus geschrieben, der Musikstile aus allen Teilen der Welt zusammenbringt –  eine  echte  Weltmusik.  Abschließend, eine Art späte Versöhnung, spielen  Kit Armstrong  und das Resonanz-Ensemble Chopins Klavierkonzert op. 11. TV-Mitarbeiter Martin Möller sprach vorab  mit Kit Armstrong über dieses Programm und seine Pläne für die Zukunft.

Herr Armstrong, das Programm zum Abschluss des Mosel-Musikfestivals ist ja sehr originell, aber auch sehr ungewöhnlich. Welche Idee stand dahinter?

KIT ARMSTRONG Das Ensemble Resonanz und ich, wir haben dieses Programm schon einige Male gespielt. Die Idee  kam, soweit ich mich erinnere, vom Ensemble. Es geht dabei um den Übergang zwischen der unterhaltenden Musik und der Kunstmusik.

Also um diese Grauzone zwischen beiden Bereichen …

ARMSTRONG … und deshalb haben wir innerhalb dieses Programms versucht, Meisterwerke, die in dieser Grauzone entstanden sind, zur Geltung zu bringen. Sie kommen aus ganz verschiedenen Bereichen und Epochen. Wir haben zum Beispiel Wiener Walzer im Programm, bearbeitet von Komponisten, die sonst ernste Kunstmusik schrieben wie Alban Berg. Am Schluss steht dann Chopins Klavierkonzert op. 11.

Sie spielen den Solopart und leiten das Orchester?

ARMSTRONG Nein, nicht wirklich. Die Leitung hat die Konzertmeisterin des Resonanz-Ensembles. Das Klavierkonzert ist in einem musikalischen und gesellschaftlichen Umfeld entstanden, wo es die Trennung von ernst und unterhalten so noch nicht gab, wo man von ernster Musik erwartete, dass sie auch unterhält.

Aber könnte dieses Stilspektrum vom Johann Strauß bis Mauricio Kagel die Besucher nicht abschrecken?

ARMSTRONG Es gibt sicherlich Menschen, die mit dem einen etwas anfangen können, aber nicht mit dem anderen. Aber darum ist unser Programm auch eine große Chance – dass die Hörer eine gewisse Bandbreite und auch eine gewisse Vielfalt wahrnehmen können. Ich finde, das Ensemble Resonanz hat dieses Programm sehr gut zusammengestellt.  Es beschränkt die Zahl der aufgeführten Kompositionen, damit der Zuhörer nicht überfordert wird und am Ende gar nichts mehr behält. Es hält aber auch die Balance zwischen dem Facettenreichen  und dem Einfachen.

Wenn jemand unsicher ist, ob ihm das Programm gefällt – was sagen Sie ihm?

ARMSTRONG Es hängt davon ab, was im Programm nicht gefällt. Manche haben kritisiert, dass das Programm zu wenig abenteuerlich sei, dass es durch den Chopin am Ende entwertet werde. Aber ich finde, ein Programm kann auch eine Geschichte erzählen. Und man erzählt bei einer Geschichte nicht nur das, was mit dem eigenen Lebensstil zu tun hat.  Man steht im Dienst dieser Geschichte. Unser Programm stellt eine gewisse musikhistorische Geschichte dar. Und es hat natürlich auch eine dramaturgische Entwicklung mit einem roten Faden. Das ist dann sozusagen der Punkt.

Herr Armstrong, ich habe gelesen, dass Sie ein großer Freund deutscher Musikkultur sind. Was mögen Sie an dieser mitteleuropäischen Kultur?

ARMSTRONG Dieses Zitat überrascht mich etwas, denn ich habe lange Zeit und immer noch Schwierigkeiten mit einem Hauptteil der sogenannten deutschen Musik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Das hat nichts mit einzelnen Komponisten zu tun. Es ist eher die Tendenz dieser Zeit, etwas möglichst umfassend zum Ausdruck zu bringen.

Ein umfassender Anspruch …

ARMSTRONG … ja ein umfassender Anspruch, damit habe ich einige persönliche Schwierigkeiten. Mir steht die französische Musik dieser Zeit sehr viel näher.

Sie haben sich auch als Organist profiliert. Welche Bedeutung hatte  dabei Ihr Auftritt 2016 in der Trierer Konstantin-Basilika?

ARMSTRONG Das Konzert in der Konstantin-Basilika fand ja auf zwei Orgeln statt – auf der älteren Schuke-Orgel und der neuen Eule-Orgel. Das war so gar nicht geplant, aber Hermann Lewen, damals Intendant des Festivals, sagte mit Recht, wenn man Konzerte nur noch auf der großen Orgel spielt,  könnte das kleine Instrument in Vergessenheit geraten.  Darum haben wir das Programm erweitert. Es ist dabei etwas lang geworden. Aber dieses Konzert war für mich sehr bedeutend, weil es zwei meiner Hauptinteressen zusammengebracht hat: Die Verbindung der Orgelliteratur mit der Malerei und der Baukunst im römischen Reich. Außerdem habe ich in Trier mein erstes großes Orgelkonzert gegeben. Und während ich gespielt habe, dachte ich: So etwas habe ich noch nie gemacht. Das machte die ganze Angelegenheit spannend. Es war für mich wie ein Rausch.

Pianist, Organist, Dirigent – Ihr künstlerisches Spektrum ist erstaunlich breit…

ARMSTRONG ... da muss ich Ihnen widersprechen. Dieses Spektrum wurde in der Vergangenheit von jedem guten Musiker erwartet.

Werden Sie denn so wie bisher weitermachen, oder sich auf einen bestimmten Bereich konzentrieren? Wohin geht bei Ihnen die Reise?

ARMSTRONG Meine Entwicklung hat nicht zu dem Punkt geführt, den ich mir vor 20 Jahren vorgestellt hatte. Ich hatte damals wenig mit Geschichte zu tun und habe mich auf Gegenwart und Fortschritt konzentriert. Heute sehe ich mich überwiegend als Musikhistoriker. Ich versuche herauszufinden, was in der Vergangenheit geschehen ist. Derzeit arbeite ich an einer Sammelausgabe der Klaviermusik von William Byrd – um 1600. Sie erscheint im Henle-Verlag. Das ist natürlich eine musikhistorische und musikwissenschaftliche Aufgabe. Wenn ich mit solcher Musik dann auf der Bühne stehe, kann ein Konzertbesuch im besten Sinn wie ein  Museumsbesuch sein.­

Karten für das Konzert „Schlussakkord“ des Mosel Musikfestivals am 3. Oktober,  19 Uhr, in St. Maximin in Trier gibt es bei Ticket regional, Telefon 0651/7199-996. Eine Einführung ist für  17.30 Uhr in der St.-Maximin-Schule geplant.