Interview mit Christoph Adams, dem Vorsitzenden des Jazzclub Wittlich

INTERVIEW CHRISTOPH ADAMS : „Unsere Formel: Was gut ist, ist eben gut“

Der Vorsitzende des Jazzclubs Wittlich über internationale Künstler an der Lieser und das Schlängeln durch die Hochebene.

Das erste Vierteljahrhundert hat er erfolgreich hinter sich gebracht. Nun steuert der 1993 von dem Maler und Graphiker Tony Munzlinger und dem Pianisten Christoph Adams gegründete  Jazzclub Wittlich das halbe Jahrhundert an: mit ungebrochener Energie und Neugier auf ungewöhnliche, experimentierfreudige und innovative Musiker. Und natürlich arrivierten und weltberühmten Künstlern, wie sie in den vergangenen 25 Jahren zahlreich nach Wittlich gepilgert sind. Im TV-Gespräch zieht Christoph Adams, inzwischen 1. Vorsitzender, Bilanz – und schaut zuversichtlich in die Zukunft.

Ein Jahr nach dem Silberjubiläum ist der Jazzclub Wittlich immer noch auf Erfolgskurs – fragt man sich da manchmal, ob es stets weiter bergauf gehen kann?

Christoph Adams: Aus meiner Perspektive stellen sich die Jahre des Jazzclubs nicht unbedingt als stetige Fahrt bergauf dar. Natürlich war es von Anfang an ein sehr erfolgreiches Projekt, das nicht nur in der Stadt positiv angenommen wurde, sondern auch auf regionaler und öfters auch auf überregionaler Ebene für Aufmerksamkeit gesorgt hat. Aber es gab auch immer mal Phasen, in denen es etwas langsamer voranging. So ein Verein verändert sich ja immer wieder und muss sich auch immer wieder Veränderungen anpassen, die von außen kommen. Daher würde ich die Bergauf-Fahrt durch ein angenehmes Schlängeln durch die Hochebene ersetzen.

Wie tollkühn war die Idee seinerzeit, internationale Jazzgrößen in eine Stadt zu holen, die nicht gerade zu den kulturellen Hotspots der Bundesrepublik zählt? Wie war die Reaktion der Künstler, die Sie nach Rheinland-Pfalz holen wollten – „wow, Wittlich, endlich“ oder eher „Wittlich - was ist das?“

Adams: So tollkühn war es vielleicht gar nicht. Man sollte versuchen zu verstehen, was Musiker, die unterwegs sind, brauchen, um sich wohl zu fühlen, dann ist das gar nicht so schwer. Und um die Reaktionen der Künstler zu beschreiben, würde ich beide Ihrer treffenden Formulierungen verwenden: Phase 1: „Wittlich - was ist das?“ Phase 2: „Wow, Wittlich, endlich!“

In Deutschland bzw. Europa genossen und genießen Jazzmusiker immer schon ein höheres Ansehen als in den USA. Hat dieses „Wertschätzungsgefälle“ auch zum Erfolg des Wittlicher Jazzclubs beigetragen?

Adams: US-amerikanische Jazzmusiker genießen in Europa auf jeden Fall ein höheres Ansehen als in ihrer Heimat. Afroamerikanische Musiker genießen in ihrer Heimat, innerhalb ihrer Community aber ein höheres Ansehen als europäische Jazzmusiker in ihrer Heimat. Wo steht ein Veranstalter innerhalb dieses Geflechts? Tragen wir zu ihrem Erfolg bei? Tragen sie zu unserem Erfolg bei? … Wir arbeiten ehrenamtlich und werden von der Stadt Wittlich bezuschusst. Wir brauchen Gott sei Dank keinen Profit aus solchen Situationen zu schlagen.

Täuscht der Eindruck, oder hat sich der Schwerpunkt in den Konzerten der vergangenen Jahren zugunsten europäischer bzw. deutscher Musiker verlagert?

Adams: Das muss jeder für sich selbst beurteilen. Uns geht es jedenfalls in erster Linie um etwas anderes. Einer unserer großen Pluspunkte war immer, dass der Jazzclub Wittlich die Freiheit zu nutzen weiß, sich eben nicht konzeptionell über eine spezielle Richtung definieren zu müssen. „Europäisch“ oder „amerikanisch“ sind ja Begriffe, die nichts mit musikalischer Qualität zu tun haben. Aus meiner Sicht, sollte es um Inhalte gehen. Nur so ist es möglich, dass, trotz der kleinen Kapazität von sechs bis acht Konzerten pro Saison über die Jahre ein solches Ausmaß an hochkarätiger Vielfalt in Wittlich präsentiert werden kann. Wir hatten ja nicht nur Musiker aus den USA, Deutschland oder ganz Europa zu Gast, sondern auch aus Kuba, Venezuela oder Brasilien. Wir hatten nicht nur modernen, traditionellen oder avantgardistischen Jazz, sondern auch Blues oder Pop oder folkloristische Einflüsse, Kollaborationen mit klassischer Musik sowie Tanz und Pantomime. Wir decken von Lokalem über Geheimtipps bis hin zu historischen Persönlichkeiten alles ab. Unser gestalterisches Konzept hat mit einer gemeinsamen Schnittmenge zu tun. Die Formel: Was gut ist, ist eben gut!

Gab es in den 26 Jahren existenzgefährdende Augenblicke?

Adams: Existenzgefährdend ist vielleicht ein etwas dramatisches Wort, aber es gab natürlich Momente, in denen man den Kurs ändern oder anpassen musste. Vorstände und Organisationsteams haben sich einige Male verändert. Das bringt natürlich verschiedene Nuancen in der Programmgestaltung mit sich. Auch haben wir über die Jahre die Veranstaltungsorte mehrfach gewechselt, was von unserem Publikum unterschiedlich aufgenommen wurde.

Wo sehen Sie den Jazzclub in zehn Jahren?

Adams: So weit denke ich nicht im Voraus.

Betrachten Sie das mittlerweile doch recht ansehnliche Jazz-Angebot in der Region eher als Konkurrenz, Bereicherung oder Inspiration?

Adams: Konkurrenz ist für mich ein sehr negativer Begriff – ein Gegeneinander, bei dem immer Missgunst und Unehrlichkeit mit im Spiel ist. Ich glaube, solange man bei dem bleibt, was nötig ist und dem anderen dabei seinen Raum lässt, ist genug Platz für alle da. Daher betrachte ich das kulturelle Angebot in der Region auf jeden Fall als Bereicherung.

Momentan leben Sie in Berlin. Können Sie sich vorstellen, Ihren Lebensmittelpunkt zum Wohle des Jazzclubs wieder nach Wittlich zu verlegen?

Adams: Absolut! Es müsste nur in Verbindung stehen mit einem sicheren, gut bezahlten, nicht zu zeitaufwendigem und wenig anstrengendem Job meiner Fachrichtung.

Mit der letzten Frage endlich zu Ihnen: Wie sind Sie selbst zur Musik gekommen?

Adams: Eine kurze Frage mit unterschiedlich langen Antworten. Um nicht den Rahmen zu sprengen würde ich sagen, dass am Anfang eines solchen Weges wohl immer ein Schlüsselerlebnis stehen muss, dem die unerklärliche Gewissheit zu Grunde liegt, dass sich hinter der sich zeigenden Oberfläche wohl eine neue Welt eröffnen wird. Nachdem ich in frühen Jahren Kinder-, Weihnachts- oder Fastnachtslieder sowie Schlager zuhauf frei von der Leber weg auf der Clarina oder der Mundharmonika gespielt habe, war es entweder der Klang des Klaviers oder die optische Anordnung der schwarzen und weißen Tasten, die mich fasziniert haben. Wahrscheinlich aber beides gleichzeitig. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern.

Kelvin Sholar. Foto: Trierischer Volksfreund/David Beecroft
Gregory Burk. Foto: Trierischer Volksfreund/Paolo Soriani

Die Fragen stellte Rainer Nolden