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Interview mit Dr. Kristina Engelhard (Uni Trier) über Hegel

INTERVIEW KRISTINA ENGELHARD (UNIVERSITÄT TRIER) : „Hegel wäre für das Maskentragen, ganz klar“

Vor 250 Jahren wurde Hegel geboren: Was von seiner Philosophie bleibt und welche Positionen er heute vertreten würde.

(AF) Jeder Satz ist ein Kampf, muss erarbeitet werden, entschlüsselt. Georg Friedrich Wilhelm Hegels Philosophie soll alles und jedes erklären. Es ist ein monströses Denkgebäude, das den meisten verschlossen bleibt. Weil es so abstrakt ist, hermetisch verriegelt, in einer Sprache wie Stacheldraht. Und wer die Barrikaden genommen hat, weiß alles – und nichts. So legte Heinrich Heine dem alten Philosophen Hegel dessen vermeintlich letzte Worte auf dem Totenbett in den Mund: „Nur einer hat mich verstanden.“ Kurze Pause: „... und der hat mich auch nicht verstanden“.

Der Schwabe mit dem Faible für Wein – vielleicht wurde in den 1950ern auch deshalb eine Rebsorte nach ihm benannt – war aber auch einer der bedeutendsten deutschen Denker, er beeinflusste die Weltgeschichte, eine „prägnante, faszinierende Gestalt der Philosophiegeschichte“, so nennt es Dr. Kristina Engelhard von der Universität Trier. Im Interview mit TV-Redakteur Andreas Feichtner sagt die Hegel-Expertin, wie der Philosoph über Maskentragen in der Corona-Zeit, über den Brexit und über Karl Marx denken würde – und was Hegel mit Greta Thunberg verbindet.

Als Hegel im Jahr 1831 starb, verglichen ihn zwei Trauerredner mit dem Messias. Er war so was wie ein Pop-Star, wenn auch kein besonders zugänglicher – wie lässt sich diese Verehrung, die Überhöhung, heute erklären?

Kristina Engelhard: Die Verehrung von Philosophen erscheint uns in Deutschland heute etwas seltsam – anders als in Frankreich, wo es eine andere Kultur des intellektuellen Lebens gibt. Dort werden Philosophen auch in der Öffentlichkeit sehr oft zu allen möglichen Fragen des Zeitgeschehens gefragt. Was Hegel betrifft: Seine Wirkungszeit fällt in eine Zeit umfassender gesellschaftlicher Umwälzungen – die Französische Revolution, die Restaurationszeit, dazu kam die beginnende Industrialisierung und eine Seuche wie die Cholera. Das war verbunden mit einer tiefgreifenden Krise der Legitimität der vorhandenen Staatsformen. Hegel hat sich stark an dieser Frage abgearbeitet. Diese Umwälzungen haben ein Bedürfnis nach Erklärung wachgerufen, nach Orientierung. Das hat insbesondere die Philosophie auf den Plan gerufen. Hegel hat in einer Zeit gelebt, in der der Naturalismus und die Naturwissenschaften noch nicht wie heute die primäre geistesgeschichtliche Doktrin waren.  Deshalb wandte man sich an die Philosophie und insbesondere an eine, wie Hegel sie entwickelt hatte: Eine, die ein umfassendes System lieferte, das im Prinzip geeignet war, alles und jedes zu erklären.

Hegel sagte zwar, man dürfe keinen Gedanken aus dem historischen Zusammenhang reißen, das erschwert historische Urteile. Wenn Sie aber trotzdem mal aus der Gegenwart Hegels Philosophie bewerten: Wo lag er denn schwer daneben?

Kristina Engelhard: Dass Sie die Frage so stellen, zeigt, dass wir heute mit manchen Aspekten der Hegelschen Philosophie ein Problem haben. Es ist sehr schwer, Hegel in Frage zu stellen – ganz einfach, weil er das nicht zulässt. Da gibt es die Schlagworte wie „Das Wahre ist das Ganze“, also, dass man Wahrheit nur vor dem Hintergrund ganzer, komplexer Systeme beurteilen kann. Wenn man sich auf Hegels System einlässt– und damit auf seine fundamentalen Prämissen -, dann ist es sehr konsistent konstruiert und lässt Widerspruch nicht wirklich zu. Sich unangreifbar zu machen, ist methodisch problematisch, denn es ist fraglich, ob man recht haben kann, wenn man nicht auch unrecht haben könnte.

Was ist denn der Kern seiner Philosophie, was sind die „fundamentalen Prämissen“?

Kristina Engelhard: Das wäre zum Beispiel, dass der Begriff etwas an sich Widersprechendes ist, dass seine Natur darin besteht, an sich widersprechend zu sein und seine Bestimmungen aus sich heraus entfaltet. Diese Prämissen wirken in alle Teile seiner Philosophie hinein. Die muss man mitmachen – oder eben nicht. Wenn man sie mitmacht, steht man in seinem System immer auf einer sehr hohen Abstraktionsstufe, dann lässt sich viel erklären und analysieren. Hegel ist ein sehr großer Diagnostiker seiner Zeit, man kann aus Hegels Perspektive auch unsere Zeit sehr gut diagnostizieren. Konkrete Problemlösungen sind aber immer weit weg von den Problemen– damit habe ich ein Problem. Auch damit, dass er die Naturwissenschaften unterschätzt hat. Ich glaube, er wäre erstaunt, welch großen Erfolg die Naturwissenschaften in der Erklärung und in der Diagnose von Phänomen heute haben.

Weil er das Wissen darüber nicht hatte oder haben konnte – oder weil es eher ein Randthema für ihn war?

Kristina Engelhard: Beides. Zum einen hat ihn sein System dazu gebracht, die Natur sozusagen als Ort des Geistlosen zu betrachten. Da war für ihn nicht viel von der Struktur des Geistes zu sehen. Das unterscheidet ihn in vielen Hinsichten von der heutigen Zeit, die sich sehr stark an den Naturwissenschaften orientiert. Das sehen Sie jetzt auch an der Corona-Krise, wo sich alle Welt an den Ergebnissen medizinischer und biologischer Forschung orientiert. Wir hoffen alle, dass die Wissenschaft schnell Erkenntnisse über das Virus zu Tage fördert und auch schnell praktische Hilfsmittel an die Hand gibt.

Wie würde denn Hegel heute in Coronazeiten zum Tragen einer Maske stehen, Freiheit war für ihn ja ein zentraler Begriff …

Engelhard: Hegel war aber auch ein Philosoph des Staates. Die Freiheit realisiert sich im Staat und im Recht. Konkret wäre er für das Maskentragen, ganz klar. Das wäre für ihn vernünftig. Dann realisiert sich unsere Freiheit darin, diese Masken zu tragen und uns der staatlichen Regulation zu beugen oder die für uns als vernünftig wahrzunehmen und zu befolgen.

Auch wenn der Staat heute sehr viel stärker auf Naturwissenschaftler hört als zu Hegels Zeit?

Engelhard: Genau. Freiheit gibt es für ihn auf verschiedenen Ebenen. Wir sprechen über politische Freiheit oder Handlungsfreiheit im sozialen Kontext – Freiheit im philosophischen Sinne ist aber noch sehr viel mehr. Interessanterweise gibt es bei Hegel ja nicht nur die Dimension des einzelnen Partikularstaates, sondern auch die Perspektive einer Kooperation von Staaten, auch da verwirklicht sich Freiheit, nämlich die Freiheit des Weltbürgers.

War Hegel also für ein geeintes Europa, eine vereinte Welt?

Engelhard: Durchaus. Aber da gibt es einen Punkt, wo ich skeptisch gegenüber Hegel bin: Er hat hohe Anforderungen, was die Legitimität von solchen Strukturen betrifft. Er glaubt, dass abstrakte Entitäten, die nur auf Verträgen beruhen, keinen realen Bestand haben können. Also wenn etwa zwei oder mehrere Staaten einen Vertrag schließen und dann über die Einhaltung des Vertrags wachen, ist das für Hegel eine schlechte Form von interstaatlicher Kooperation. Das ist für ihn kein gangbarer Weg.

Was war denn seine Alternative?

Engelhard: Er meinte, dass das Wirkliche und Wahre einer Kooperation zwischen Staaten nur auf der Basis einer positiven Gestalt des Geistes möglich ist, das nannte er Weltgeist. Interstaatliche Beziehungen müssen also für ihn auf dem Weltgeist beruhen, das heißt auf inhaltlichen Fundamenten, die von allen geteilt werden – als geistige Komplettgestalt. Bei Immanuel Kant ist das anders, da wird von den einzelnen unterschiedlichen Momenten eines Staats abgesehen – etwa von der Religion. Man bricht es herunter auf gemeinsame Merkmale, die alle teilen, etwa eine abstrakte Form von Gerechtigkeit. Für Hegel haben abstrakte Vorstellungen gar keinen Gehalt. Sie haben nur Gehalt, wenn sie mit Inhalten gefüllt werden, wenn eine positive Idee dahintersteht. Wenn man so will, kann man die verschiedenen Krisen der EU oder der UN mit Hegel analysieren und sagen: Es ist klar, dass es zu Abspaltungen einzelner Staaten kommt – etwa beim Brexit – oder in osteuropäischen Staaten, die die Flüchtlingspolitik der EU nicht mittragen wollen, weil die EU eher auf einer Kant’schen Vorstellung beruht…

… auf der des kleinsten gemeinsamen Nenners.

Engelhard: Hegel würde sagen: Das ist viel zu wenig. Wir müssen eine inhaltliche Idee finden, die diese Gemeinschaft trägt.

Hegel war der Ansicht, dass sich die Menschheit in der Geschichte zu immer mehr Freiheit und Rationalität entwickeln würde, die Vernunft sei progressiv – hatte er, aus heutiger Sicht, recht?

Engelhard: Das ist das Problem bei Hegel – in seinem System hat er immer Recht, weil die Negativität eingeschrieben ist. (...) Das dynamische Moment liegt im Negativen, aber das zeigt sich in der Geschichte eben auch in Kriegen oder Vernichtung. Für ihn gibt es im Negativen etwas Positives: Die Dynamik, etwas Neues hervorzutreiben. Der Brexit, Trumps America-First-Politik, die Aufspaltungs-Tendenzen in der EU – das wäre für Hegel nur eine Station auf dem Weg zu mehr Vernunft.

 Auch ein berühmter Trierer arbeitete sich intensiv an Hegel ab – Karl Marx, der ihn „vom Kopf auf die Füße“ gestellt hat. Bei Marx kam es nicht darauf an, die Welt zu interpretieren, sondern sie zu verändern – wäre das im Sinne von Hegel gewesen?

Engelhard: Teils, teils. Marx war auch ein sehr guter Diagnostiker seiner Zeit, insbesondere was die ökonomischen Verhältnisse anbetrifft. Seine Diagnose der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, seine Analyse der Entfremdung in der industrialisierten Arbeit – diese Dinge sind unwahrscheinlich treffsicher und aktuell. Hegel hätte aber sicher große Probleme mit Marx‘ Verständnis des Staates gehabt, das wäre für ihn die falsche Form von Allgemeinheit gewesen. Die Vorstellung, dass der Staat Eigentümer der Produktionsverhältnisse sein soll, das wäre für Hegel eine leere, abstrakte Idee. Für Hegel wäre die Staatsvorstellung von Karl Marx ein Irrweg.

Also Theoretiker versus Praktiker?

Engelhard: Hegel war kein Revolutionär. Er hatte wohl zu seiner früheren Zeit Kontakte zu Revolutionären, aber er war eher theorieorientiert. Die Wirklichkeit durch Philosophie zu verändern, das war nicht seine Idee. Politische Freiheit – das war gut und schön. Aber für Hegel ist die höchste Form der Freiheit die des philosophischen Denkens.

Hegel hielt nichts von der Popularisierung der Philosophie, als besonders eloquent galt er auch nicht – und manche seiner Schachtel-Sätze bekäme man heute auch in fünf Twitter-Tweets nicht untergebracht. Hätte ein Philosoph wie er im 21. Jahrhundert überhaupt noch die Chance, wahrgenommen zu werden?

Engelhard: Hegel muss ein fürchterlicher Redner gewesen sein. Er stand über sein Pult gebeugt, nuschelte, war kaum zu verstehen, da musste man schon genau hinhören. Aber es gibt auch heute Menschen, die unheimlich populär sind oder stark wahrgenommen werden und die nicht sehr eloquent sind, von der Persönlichkeit nicht besonders verbindlich oder eher sperrig – ich denke zum Beispiel an Greta Thunberg. Die Sperrigkeit und mangelnde Eloquenz hätten Hegel vielleicht gar nicht so im Wege gestanden. Ein Problem für ihn wäre heute wohl unsere Wissenschaftspolitik, die sicher gute Seiten hat: Es gibt viel Geld für Forschung. Aber die Resultate müssen immer sehr schnell da sein. Hegel war zwar produktiv, hat aber länger gebraucht, um seine Werke abzuschließen.

In dieser Woche jährte sich Hegels Geburtstag zum 250. Mal, coronabedingt ohne die ganz großen Feiern. Besteht die Gefahr, dass er allmählich in Vergessenheit geraten wird?

Engelhard: Das meiste hat seine Tendenzen. Ich glaube, dass in einiger Zeit klar wird, dass einfache Antworten auf komplexe, schwierige Fragen nicht möglich sind und dass ein tieferes Reflektieren über Probleme erforderlich ist. Ich glaube, es wird genügend Leute geben, die Probleme in ihrer komplexen Gestalt durchdenken und hinterfragen. Ich glaube nicht, dass das wegbrechen wird. Und Hegel ist eine prägnante, faszinierende Gestalt der Philosophiegeschichte.“

 Dr. Kristina Engelhard, Philosophie-Professorin an der Uni Trier
Dr. Kristina Engelhard, Philosophie-Professorin an der Uni Trier Foto: Kristina Engelhard/privat

Dr. Kristina Engelhard ist seit August 2020 Philosophie-Professorin an der Universität Trier (Philosophie der Neuzeit). Kant und Hegel gehören zu ihren Forschungs-Schwerpunkten.