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Interview mit Kabarettist Dieter Nuhr vor seinem Auftritt in Trier

Kabarett : „Der Stoff geht mir nicht aus, solange die Welt bekloppt ist“ - Kabarettist Dieter Nuhr kommt nach Trier

Der Kabarettist Dieter Nuhr gastiert am Samstag mit seinem Programm „Kein Scherz“ in der Arena Trier.

Dieter Nuhr, Jahrgang 1960, gehört zu den bekanntesten (Fernseh-)Kabarettisten der Nation. In Wesel geboren, in Düsseldorf aufgewachsen, sammelte er erste Bühnenerfahrungen am dortigen Schauspielhaus und begann 1986 seine Karriere in der Spötterbranche. „Nuhr am Nörgeln“ hieß 1994 sein erstes Solo-Programm, mit dem er durchs Land zog. Neben seinen regelmäßigen Kabarettabenden in der ARD hat er zahlreiche Bücher veröffentlicht, das jüngste mit dem Titel „Gut für dich!: Ein Leitfaden für das Überleben in hysterischen Zeiten“. „Kein Scherz“ heißt sein aktuelles Bühnenprogramm, mit dem er morgen Abend in der Arena Trier gastiert.

Herr Nuhr, kaum ein Kabarettist kommt bei seinen Vorträgen so vom „Hölzken aufs Stöcksken“ (O-Ton Hanns-Dieter Hüsch) wie Sie. Könnte man sagen, der gebürtige Moerser war ein Vorbild für den gebürtigen Weseler? Also quasi Niederrheiner unter sich?

DIETER NUHR Ich bin mit Hüsch ein paarmal aufgetreten, ein Vorbild war er mir allemal. Ich denke, ein bisschen geistige Wirrnis ist Grundbedingung für Kreativität. Ich glaube nicht, dass die beim Niederrheiner per se stärker ausgebildet ist. Man traut sich dort vielleicht weitere Gedankensprünge zu, weil man ohnehin weiß, dass der Mensch an sich meistens missverstanden wird.

Angesichts der Vielzahl der Themen, die bei Ihren Auftritten zur Sprache kommen, noch mal ein Zitat von Hüsch: „Der Niederrheiner weiß nix, kann aber alles erklären.“ Würden Sie sich diesen Spruch ans Revers heften?

NUHR Das ist meine Arbeitsgrundlage. Wir alle sind zum Verständnis des großen Ganzen nicht in der Lage. Dann reduziert der Mensch die komplexe Wirklichkeit, bis er sie zu verstehen glaubt. Leider hat die so gewonnene verkürzte Weltsicht dann meist nicht mehr viel mit der Realität zu tun, vor allem bei Ideologen. Es gilt folgende Gleichung: Je primitiver die Weltsicht, umso größer die Selbstsicherheit ihres Besitzers. Ich versuche Vielschichtigkeit zuzulassen, werde deshalb auch häufig fehlverstanden. Das ist lustig.

Eine alte Journalistenregel besagt „Keine Witze mit Namen“. Dagegen verstoßen Sie regelmäßig mit jedem Ihrer Programme …

NUHR Na, diesmal zum ersten Mal nicht. Es macht ja auch Freude, Erwartungen zu brechen.

„Kein Scherz“ heißt das Programm, mit dem Sie in Trier auftreten. Also können wir uns auf einen eher seriösen Abend gefasst machen?

NUHR Vollkommen seriös. Es geht todernst zu. Trotzdem wird die ganze Zeit gelacht. Man versteht es nicht.

Wie lange benötigen Sie, bis ein Programm bühnenreif ist? Reicht morgens die Lektüre der Tageszeitung, und abends ist der Text fertig?

NUHR Ich habe einige Tageszeitungen im Abo, mit anderen Worten: Ich lese auch auch das, was die einzelnen Blätter voneinander abschreiben. Und das ist nicht wenig. Durch Wiederholung behalte ich das Ganze besser im Kopf. Und die „Neue Zürcher Zeitung“ habe ich auch, um ein bisschen außereuropäische Weltsicht kennenzulernen.

Wie viel ist bei Ihren Auftritten „theatermäßig“ auswendig gelernt, wie viel Improvisation?

NUHR Unterschiedlich. Es gibt ein festes Programm, aber ich kann den Gedankenstrom zwischendurch auch verlassen. Wie oft das passiert, ist im Wesentlichen von meiner Laune abhängig. Auf der Bühne bin ich Willkürherrscher.

Satire ist ja immer auch Provokation. Irgendjemand fühlt sich mit Sicherheit beleidigt. Gibt es Grenzen, die Sie nicht überschreiten würden? Oder darf Satire wirklich alles?

NUHR Ein alter Irrtum: Ein Satiriker darf exakt das gleiche wie ein Elektriker. Ich habe nachgeschaut. Die Gesetzbücher für Satiriker unterscheiden sich nicht von denen für Schafzüchter oder Neurochirurgen. Meine Grenze ist aber nicht das Gesetz, sondern mein eigener Geschmack. Der allerdings bewegt sich meist im juristisch unproblematischen Bereich, da ich Vergleiche von Einzelpersonen mit als unrein geltenden Körperteilen vermeide.

Wer sich satirisch in der Öffentlichkeit bewegt, muss ja ein dickes Fell haben. Wie dick ist Ihres?

NUHR Mein Fell entspricht der durchschnittlichen Hautdicke des Mitteleuropäers, was dazu führt, dass ich mich auch über Shitstorms ab und zu aufrege. Aber das ist, glaube ich, normal, ich halte mich nicht für psychopathisch, was allerdings auch Psychopathen selten tun. Es bleibt also eine Unsicherheit.

Haben Sie manchmal Angst, dass Ihnen der Stoff ausgeht?

NUHR Der Stoff geht mir nicht aus, solange die Welt bekloppt ist. Da ist also noch Reserve.

Wie froh waren Ihre Eltern eigentlich, als Sie statt Lehrer Künstler geworden sind?

NUHR Meinem Vater ist es inzwischen egal, er ist schon vor längerer Zeit verstorben. Meine Mutter  hat ca. 25 Jahre gebraucht, aber dann begriffen, dass mir auch mein jetziger Beruf die regelmäßige Aufnahme fester Nahrung ermöglicht. Seitdem geht es ihr besser.

Dieter Nuhr tritt am Samstag, 18. Januar, um 20 Uhr in der Arena in Trier auf. Einlass ist ab 19 Uhr. Karten gibt es an den Vorverkaufsstellen.