Interview mit Vera Bohle

Wie kommt man von einem Studium der Theaterwissenschaften und einer Tätigkeit als Fernsehredakteurin dazu, Minenräumerin zu werden?Bohle: Als ich als Cutterin in Somalia war, sah ich vom Hoteldach aus ständig das Elend in einem Flüchtlingslager. Ich fragte mich, ob ich in meinem Job oder auch als Journalistin jemals mit meiner Rolle zufrieden sein könnte, in der ich nichts für die Menschen tun kann, sondern nur berichte. Der Gedanke, in der Entwicklungshilfe zu arbeiten, blieb mir immer im Hinterkopf, auch während meiner Redakteurstätigkeit bei "Kennzeichen D". Dann stieß ich auf einen Artikel über die Sprengschule in Dresden. Das war's. Das wollte ich machen: Schreckliche Waffen vernichten und den Menschen in den Krisengebieten wieder ein einigermaßen normales Leben ermöglichen.Sie sind die einzige deutsche Minenräumerin, und auch im Ausland arbeiten Sie selten mit weiblichen Kollegen zusammen. Wie sind die Reaktionen, wie geht es Ihnen in dieser Sonderrolle? Bohle: Man ist und bleibt immer Exot in diesem Job - als Frau, als Zivilist, und dann auch noch mit Studium. In vielen Ländern ist außerdem die Freiheit für Frauen stark eingeschränkt. Da kann es sein, dass ich tagsüber Minen räume und sprenge, und am Abend darf ich nicht alleine joggen gehen oder Auto fahren. Doch bisher wurde ich überall sehr freundlich aufgenommen. Auch mit den Kollegen klappt es meist sehr gut. Vertrauen ist wichtig. Die internationalen Minenräumer sind eine relativ kleine Gruppe. Man kennt sich.Sie waren drei Jahre lang im Dauereinsatz. Können Sie noch entspannt über eine Wiese gehen? Bohle:Das kommt darauf an - ich merke, wie sich das verändert. Wenn ich von einem langen Einsatz in ein sicheres Gebiet wie Deutschland zurückkomme, bin ich tatsächlich ständig angespannt. Umgekehrt ist es nicht einfach, nach einiger Zeit in einem sicheren Gebiet wieder konzentriert und vorsichtig an die Arbeit zu gehen.Würden Sie im Irak Minen räumen? Bohle: Im Moment auf keinen Fall. Ich habe den Krieg abgelehnt, und ich möchte nicht als Ausputzer hinter den Militärs herräumen.Die Fragen stellte unsere Mitarbeiterin Birgit Pfaus Vera Bohle: Mein Leben als Minenräumerin. Krüger Verlag, Frankfurt, 384 Seiten, 19,90 Euro.

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