Interview zu Protestsongs bei Fridays for Future und anderen Bewegungen

Interview zu Protestsongs heute : Protest ohne Song?

Wie steht es um das politische Lied? Der Musikexperte erklärt, warum die „Fridays for Future“-Bewegung keinen eigenen Soundtrack hat und welche Rolle der Eurovision Songcontest in Israel spielt.

Politische Lieder und Protestsongs haben in Deutschland eine lange Tradition. Nach einer Hochzeit von den 1960ern bis in die 1980er Jahre ist es allerdings ruhiger darum geworden. Unsere Redakteurin Birgit Markwitan hat den Mainzer Musikwissenschaftler Thorsten Hindrichs gefragt, was sich heute, 50 Jahre nach den großen Burg-Waldeck-Open-Airs tut.

The Times They are A-Changing – 1964 bis 1969 war Burg Waldeck in Rheinland-Pfalz die Wiege der linken Liedermacherszene, die eine enorme Dynamik entwickelte. Nach 50 Jahren schwer vorstellbar.

Hindrichs: Nach dem Zweiten Weltkrieg haben wir in Westdeutschland einen sogenannten doppelten Befreiungsmoment durch die Rock- oder Popularmusik erlebt. Die Jugendlichen haben sich mittels der Musik von der älteren Generation distanziert, aber auch gleichzeitig vom Nationalsozialismus. Dadurch hat gerade in den 1950er und 1960er Jahren die Popularmusik insgesamt, aber diese Liedermacherszene im Speziellen, eine enorme Dynamik entwickelt.

Sind und bleiben trotz des unermüdlichen Konstantin Weckers die Liedermacher eher ein Auslaufmodell?

Hindrichs: Durch die deutsche Medienlandschaft geisterte, dass die „Befreiung durch Pop“ spätestens seit der deutschen Wiedervereinigung mehr oder weniger abgeschlossen sei. Ich bezweifele das, aber das ist vielleicht ein Grund, warum sich in den vergangenen 25 bis 30 Jahren tatsächlich weniger in diesem Bereich getan hat. Denken Sie an die wunderbare Streitschrift von Frank Apunkt Schneider „Deutschpop halt‘s Maul“ von 2015. Darin beklagt er zu Recht, dass spätestens seit der Wiedervereinigung deutschsprachige Popmusik sich komplett umgedreht hat in ihrem Zugriff auf das Deutschsein. Das ist ja inzwischen fast alles affirmativer Deutschpop.

Trotz Globalisierung werden heute kaum internationale Themen besungen.

Hindrichs: In diesem Zusammenhang wäre es spannend zu schauen, wie sich nationale Popmärkte verhalten. Aber es gibt ja jenseits des Mainstreams und der Liedermacher eine Menge deutschsprachiger Popmusiker, die sich politisch und gesellschaftskritisch positionieren, aber vielleicht nicht so wahrgenommen werden, wie es in den 1960er Jahren der Fall war.
Wobei ich mir auch nicht sicher bin, ob ein Franz-Josef Degenhardt, ein Reinhard Mey oder Hein und Oss Kröher damals mainstreamfähig waren.

„Bella Ciao”, ein italienisches Partisanenlied aus dem Zweiten Weltkrieg, wird von „Sing for the Climate” neu betextet: „We need to wake up / We need to wise up ...“. Passt das zum 21. Jahrhundert?

Hindrichs: Natürlich passt das zum 21. Jahrhundert. Ich bin auch nicht so kulturpessimistisch, was die Jugend anbelangt, dass sie sich nicht mehr politisch engagiere. Denken Sie an die „Fridays for Future“-Bewegung.

Hat die „Fridays for Future“-Bewegung einen eigenen Soundtrack?

Hindrichs: Das ist eine gute Frage und sehr spannend; wenn ich das wüsste. Mir ist bis jetzt noch nicht aufgefallen, dass die Jugendlichen explizit mit Musik experimentieren. Sie sind ja auch noch in einer Findungsphase.

Die Grünen gibt es seit 40 Jahren, sie haben auch keinen eigenen Song.

Hindrichs: Sie haben zwar keinen eigenen Partei-Soundtrack, die Grünen waren aber eine der ersten politischen Parteien, die bei ihren Wahlkampfveranstaltungen Popmusik präsentiert haben.

Was jetzt alle machen.

Hindrichs: Ja. Aber die Grünen sind in den 1980er Jahren mit einem Lkw durch die Bundesrepublik gefahren, und es traten Bands wie Bap oder Bots auf. Auch Konstantin Wecker hat viel für sie gesungen. Das war nach meiner Wahrnehmung die erste politische Partei, die Songs in ihren Wahlkampf eingebunden hat, auch wenn sie keine eigenen Songs hatte.

Sie haben in einem Aufsatz geschrieben, dass der institutionalisierte Rechtspopulismus in Deutschland und die AfD keinen eigenen Soundtrack haben.

Hindrichs: Das ist für mich ein spannendes Phänomen. Die AfD gibt es ja schon seit 2013. Es wird die Nationalhymne gesungen, aber ansonsten hat die Partei mit Musik nichts zu tun, obwohl sie gleichzeitig die „deutsche Leitkultur“ hochhält. Während die extrem rechte Bewegung der Idenditären sehr viel Wert auf Musik legt. Sie machen sehr viel Neo-Folk und Popprojekte mit Bombast-Sound, der zugleich symbolisch für das Agieren der Idenditären steht. Sie erregen geschickt sehr viel Aufmerksamkeit, obwohl sie quantitativ wenige sind.

Wenn es um Musik gegen rechts geht, tauchen neben Bands wie Feine Sahne Fischfilet immer wieder die alten Lieder wie „Schrei nach Liebe“ und „Sascha“ auf.

Hindrichs: „Schrei nach Liebe“ ist leider immer noch sehr aktuell. Feine Sahne Fischfilet sind sehr eindeutig politisch unterwegs und haben gerade bei den Jüngeren und in einer bestimmten politischen Szene einen deutlichen Impact mit Songs wie „Noch nicht komplett im Arsch“. Nach meiner Beobachtung gibt es in den letzten Jahren mehr politische Songs gegen rechts, die keine konfrontative Aussage haben, sondern eher ihre Solidarität mit denen ausdrücken, die sich gegen Nazis positionieren. Vor kurzem war ich auf einem Konzert von ZSK in Frankfurt, einer links-politischen Punkrockband. In allen Songs wurde eine positive Grundstimmung in Sachen Zusammenhalt gegen rechts formuliert.

Es singen also mehr Künstler für etwas?

Hindrichs: Genau, es wird nicht mehr das Gegen betont, sondern für etwas gesungen. Das hat etwas Hoffnungsvolles.

Das alte politische Lied arbeitete mit Pathos. Bei Hannes Waders „Es ist an der Zeit“, einem Lied der Friedensbewegung der 1980er, treibt es den Menschen die Tränen in die Augen.

Hindrichs: Sie kriegen noch mehr Tränen in die Augen, wenn Sie die Version von „Es ist an der Zeit“ von Frank Rennicke hören. Er ist einer der bekanntesten rechtextremen Liedermacher. Er singt dieses Lied, wie es ist, und komischerweise funktioniert es auch rechts. Das ist gruselig.

Das heißt, man muss immer wieder den Kontext prüfen, in dem Musik steht. Auch in diesem Bereich ist die Lage unübersichtlicher geworden?

Hindrichs: Ja, weil das politische Meinungsspektrum in der Popmusik auch im Mainstream viel größer geworden ist. Denken wir nur an die Antisemitismusdebatte  im Zusammenhang mit Kollegah und völkische Nationalismusdebatten bei anderen Bands. Mick Jagger hat einen Pro-Brexit-Song gesungen, dessen Text nicht solidarisch, sondern ausschließend ist. Der lief im Radio rauf und runter.

Das Angebot ist also größer geworden und die Aussagen sind weniger prägnant?

Hindrichs: Die Artikulation derjenigen, die sich weiterhin eine aufgeklärte, offene Gesellschaft wünschen, ist weniger scharf geworden. Diejenigen, die eher links stehen, wenn Sie so wollen. Während mir die Rechten weniger zurückhaltend scheinen.

Was wäre, wenn die alte Protestsong-Tradition wieder aufleben würde und ein Ed Sheeran oder eine Adele einen Song für die Klimabewegung schreiben würden? Unvorstellbar?

Hindrichs: Nein, aber es würde nicht funktionieren, wenn sich jemand von außen andocken würde. Georg Seeßlen hat in der Zeitung „Jungle World“ einen spannenden Beitrag zur „Popfigur“ Greta Thunberg geschrieben, die sich allen gängigen Popmechanismen entzieht und es ihren „Alten weißen Männer“-Kritikern schwer macht, mit ihr umzugehen. Es müsste jemand aus der Bewegung selbst den Soundtrack dazu entwickeln. Bis jetzt sind die Slogans und Parolen der Bewegung noch im Vormusikalischen. Protestsongs richten sich zunächst an die eigene Gruppe, sie sind eine Art Selbstvergewisserung. Die „Fridays for Future“-Schüler brauchen noch keine musikalische Selbstbestätigung, die beziehen sie momentan noch woanders her.

Vielleicht erlebt das politische Lied oder der Protestsong doch noch ein Comeback?

Hindrichs: Wenn, dann aus Klimabewegung oder einer Strömung gegen rechts heraus. Die Frage ist aber auch, ob zum Beispiel der Eurovision Songcontest (ESC) in Israel nicht als Gesamtevent eine Protestsong-Veranstaltung ist? Die jüngsten Raketenangriffe der Hamas hängen ja mit dem ESC in Tel Aviv zusammen.