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Irmgard Knef in der Trierer Tuchfabrik

Chansons und mehr : Zwischen iPhone und Eyeliner

Wortwitzige Chanson-Klassiker und zeitgeistige Moderationen bei „Irmgard Knef“ in der Tufa.

Es geschah am 28. Dezember im Jahre 1925 und ist bis heute ein vergessener Fakt in der Geschichte des Showbusiness: In Ulm erblickt die später als UFA- und Broadway-Star weltberühmte Hildegard Knef das Licht der Welt, jedoch – was kaum jemand weiß – eine Viertelstunde später auch noch ihre Zwillingsschwester Irmgard. Soweit die feinsinnig gesponnene Legende, die sich Irmgards Alter Ego, der Berliner Kabarettist und Musiker Ulrich Michael Heissig erdacht hat. Seit 1996 tritt er in dieser Rolle auf. Augenzwinkernd aber mit durchaus heiligem Ernst erzählt er die Geschichte der ewig erfolglosen Zweiten, die im Schatten der großen Star-Schwester immer wieder hinten rüber fällt, sich aber dennoch mit mittlerweile 94 Jahren bester Gesundheit, formidabler Laune und einer erklecklichen Karriere erfreut. Ihr Habitus und ihre Diktion erinnern tatsächlich an die späte Diva, das dunkle Timbre („mit Wodka und Whisky gepflegt“) ist täuschend echt. Nur von ihrer Fuchs-Stola namens Rommel begleitet steht sie – glamourös beleuchtet – im Scheinwerferlicht der Bühne in der Trierer Tufa, dabei plagen sie offensichtlich einige altersgemäße Zipperlein, der Verstand ist jedoch noch rasiermesserscharf. Und die Stimme sitzt, die berühmten Knef-Chansons hat sie mit neuen, teils zeitgeistigen Texten versehen, „Showbiz“, „Funny Girl“, „Koffer in Berlin“ (sehr witzig als „Trolley in Shanghai“) oder „Ich zieh mich an und langsam aus“ werden verarbeitet. Das seien keineswegs „neue Weisen in alten Schläuchen“, sagt sie, sondern „neue Weisen einer alten Geschlauchten“. Es geht um die Leidenschaften in modernen Zeiten, um Misserfolge und vor allem um ihre neu entdeckte Liebe zum Internet, zu den neuen Medien, zu Facebook und Co. Zwischen iPhone und Eyeliner (niemals ist sie ungeschminkt, immer ist sie online) kreisen ihre Gedanken, ständig auf Likes bedacht, dabei hat sie sich sogar schon „das Ellbogengelenk ausgegoogelt“.

Vielleicht wäre eine moderne Knef ja tatsächlich so? Das alles hat ein hohes sprachliches und inhaltliches Niveau, die Wortspiele sind geschliffen und intelligent. Politische Seitenhiebe gegen Putin, Trump, Erdogan und Konsorten kann sie sich nicht verkneifen, mit 94 ist sie voll auf der Höhe der Zeit.

Vielleicht wäre die echte Knef heute ja genauso? Den 80 Zuschauern im großen Saal gefällt es, sie schmunzeln, lachen und spenden viel Applaus.