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Jahreszeiten im Klima-Wandel

Jahreszeiten im Klima-Wandel

Joseph Haydns Mammutwerk "Die Jahreszeiten", open air dargeboten im Innenhof des Kurfürstlichen Palais: Damit reihte sich der Trierer Konzertchor ein in die Schar der Veranstaltungen zum 200. Todestag des Wiener Meisters. Das Publikum war angetan von den ländlichen Szenen um das Verhältnis von Mensch und Natur.

Trier. Einem alten Spruch zufolge regnet es in Trier oder die Glocken läuten. An diesem wunderschönen Spätsommer-Sonntagnachmittag regnet es nicht - und läutet dafür umso ausgiebiger. Da helfen auch die dicken Mauern der Basilika und des Palais wenig, wenn die Glocken zu einem gefühlten Dutzend Abendmessen rufen. Aber eigentlich passt das nicht einmal schlecht zu Haydns Sittenbild des Dorflebens, zu seiner beredten Schilderung von Frühling, Sommer, Herbst und Winter im bäuerlichen Ambiente. Die Texte sind von einer fast skurrilen Gegenständlichkeit, mal wie ein Bauernbrevier mit praktischen Ratschlägen, dann wie die Berichte eines fiktiven Lokalredakteurs aus dem 18. Jahrhundert über die Ereignisse im Ort oder die Live-Schaltung in den Festsaal oder zur Hasenjagd. Die Solisten Evelyn Czesla, Clemens Bieber und Nico Wouterse praktizieren eine derart vorbildliche Wortverständlichkeit, dass man das im Programmheft abgedruckte Libretto im Grunde nicht braucht. Manchmal können sie sich ein mildes Lächeln über Gottfried von Swietens eigenwillige Texte nicht verkneifen. Biebers schlanker, exzellent geführter, vor Eleganz sprühender Tenor erlaubt ihm in Verbindung mit der feinen Akustik des Innenhofs, ganze Passagen in feinstem piano zu singen.

Emotionsreich schön differenziert



Superbe Phrasierung, Unangestrengtheit selbst in heiklen Passagen: Da hat sich der Ausflug nach Trier zwischen zwei Bayreuth-Auftritten fürs Publikum gelohnt. Evelyn Czesla gestaltet ihre Landmädchen-Rolle emotionsreich, mit schönen Differenzierungen und jenem Maß an Opern-Dramatik, das gerade dieses "Handlungs-Oratorium" nicht nur verträgt, sondern braucht. Nico Wouterse entwickelt sich immer weiter zum großen, eindrucksvollen Gestalter und Erzähler, wie es zur Bass-Partie gehört. Meisterhaft seine Jagd-Schilderung, fast schon in der Nähe des Liedgesangs, was Finesse und Präzision angeht. Der Konzertchor liefert seine stärksten Momente am Anfang und am Schluss, mit dem schön herausgearbeiteten Gegensatz zwischen Männern und Frauen im Dorf und der finalen Apotheose mit ihren religiösen Anklängen. Ausgewogen das Klangbild, vor allem bei den Frauenstimmen, mehr als respektabel der Umgang mit den Textmassen, die das Stück auf netto zweieinhalb Stunden anschwellen lassen. Das Philharmonische Orchester der Stadt Trier unter der Leitung von Manfred May kommt frisch aus den Ferien zurück, zeigt sich souverän in den Soli und aufmerksam im Zusammenspiel. Und doch, wenn man alles zusammennimmt, fehlt da was: die Verve der Naturschilderung, die Wucht, das Umwerfende. Schon das Winter-Ende zu Beginn wirkt, als habe der Klimawandel zugeschlagen. Das Klirrende, Schroffe fehlt, alles ist etwas zu mild. Dafür bedürfte es für den monumentalen Gewitter-Sturm im Sommer keiner Unwetter-Warnung, ein ordentlicher Schirm würde reichen. Das "besoffene Volksfest" (Haydn) fällt recht zahm aus, Ausgelassenheit kommt erst am Schluss auf. Auch die Schilderung der erwachenden Tierwelt könnte einen Schuss mehr Prägnanz brauchen. Dafür sind die getrageneren Passagen durchweg gut getroffen. Die gut tausend Konzert-Besucher zeigen sich mehr als zufrieden - und entsprechend beifallsfreudig.