James Bond zu Tränen gerührt

James Bond zu Tränen gerührt

Der 23. James Bond-Film "Skyfall" ist in den deutschen Kinos extrem stark angelaufen. Nach Schätzungen eines Medienmagazins sahen den Film am Donnerstag bereits 440 000 Zuschauer. Das sei der mit Abstand beste erste Tag aller Filme des bisherigen Kinojahres, hieß es. Bis Sonntagabend könnten zwei Millionen Zuschauer den Film gesehen haben. Das wäre ein neuer Rekord.

Hildesheim. Der neue James-Bond-Film "Skyfall" mit Daniel Craig als Geheimagent 007 ist nach einer Woche der erfolgreichste Film an den britischen Kinokassen, den es je gegeben hat. In der ersten Woche habe "Skyfall" 37,2 Millionen Pfund (rund 46,5 Millionen Euro) in die Kassen der britischen Filmtheater gespült. Damit wurde der letzte Harry-Potter-Streifen übertreffen, teilte die James-Bond-Produktionsfirma Eon productions am Freitag mit. In Deutschland sahen "Skyfall" bereits am Premierentag 440 000 Zuschauer.
Ein Erfolgsgeheimnis von James Bond ist, dass die Agentenfilme seit 50 Jahren das Lebensgefühl ihrer Zeit widerspiegeln. "Es gibt kein anderes Kinoformat mit einer so sorgfältigen Zeitgeist-Beobachtung", sagte der Hildesheimer Psychologieprofessor Werner Greve. Gerade weil die Handlung aller Filme sich ähnele, lohne es sich, die Aspekte zu betrachten, die unterschiedlich sind.
Greve beschäftigt sich seit Jahrzehnten wissenschaftlich mit den Bond-Filmen und hat jetzt das Buch "James Bond 007. Agent des Zeitgeistes" herausgebracht. "Mir gefällt, mit wie viel Gespür das Produktionsteam stets jemanden findet, der in die Dekade passt", sagte Greve über die Titelhelden. Daniel Craig sei in Bezug auf die Moral eine Rückkehr zum ursprünglichen James Bond der Romane von Ian Fleming.
"Er ist nicht jemand, der Tausende tötet, aber wenige und das in vollem Bewusstsein und mit voller Absicht."
Heute wären die Typen Sean Connery, Roger Moore oder Pierce Brosnan nicht mehr passend. "Daniel Craig mit dem eiskalten Gesicht, der dennoch dünnhäutig ist, wäre dagegen vor 30 Jahren nicht angekommen." Die Zerrissenheit des aktuellen Bonds passt nach Greves Beobachtung perfekt in dieses Jahrzehnt. "Einerseits wollen wir jemanden haben, der die Nerven hat, Bin Laden zu exekutieren, da wollen wir auch nicht, dass der dabei Gewissensbisse hat. Ich rede nicht von Ihnen und mir, sondern von einem Zeitgefühl. Andererseits wollen wir nicht, dass staatliche Angestellte Killer-Maschinen sind."
Auch die politische Verortung des Bösewichts folge dem Zeitgeist millimetergenau. Die größte Gefahr sind in "Skyfall" nicht mehr Waffen, sondern Computer-Hacker.
Die Frauenfiguren in den Bond-Filmen sind Greve zufolge ein Gradmesser für die Gleichberechtigung. So habe es nach den starken Frauen der 1970er Jahre eine Retrobewegung in den 1980ern gegeben, sagte der Psychologe. "Richtig angekommen ist die Emanzipation erst in den 1990ern, als Bond mit Judi Dench in der Rolle von "M" eine weibliche Chefin bekam.Meinung

Die Demontage eines Helden
Noch düsterer, noch rauer, ein geradezu erdiger James Bond: Daniel Craig schafft es in "Skyfall", seine Figur noch härter zu zeichnen, den ehemals allzeit überlegenen und supersmarten 007-Agenten letzendlich zu demontieren, um ihn für die Zukunft neu auszurichten. "Skyfall" wirkt - wenn man ihn mit dem Science-Fiction-Pop von "Moonraker" (1977, mit Roger Moore) vergleicht - wesentlich dokumentarischer, authentischer. Die Kamera ist immer hautnah am Geschehen. Die Handlung setzt nicht auf vordergründige Spezialeffekte, sondern lässt hinter die Kulissen blicken, in die Seelen der Akteure. Bond wird von einer Kollegin beinahe erschossen und taucht unter. Er lässt sich für eine Weile an den Stränden der Südsee in Sex- und Alkohol-Exzessen völlig gehen. Bonds Widersacher Silva (Javier Bardem) zeigt sich als ein Schurke, der aus seinem fragilen Seelenleben kein Geheimnis macht. Er nennt seine ehemalige MI 6-Chefin "M" (Judi Dench) zärtlich, mit leicht irrem Unterton, "Mutter", bevor er ihr eine Pistole an die Schläfe hält. Und "M" selbst beginnt auch an ihrer Arbeit zu zweifeln, erzählt sogar von den Lieblingsgedichten ihres verstorbenem Mannes. Es ist auch nicht die Welt, die 007 dieses Mal retten muss, sondern sein eigener Arbeitgeber, der Geheimdienst MI 6, den der Ex-Agent Silva per Internet-Attacke angreift. Das tut er aus purer Rache an seinem ehemaligen Arbeitgeber. "Skyfall" ist der tiefgründigste Bond, der bislang zu sehen war. Besonders die Motive von "M" und die des Schurken Silva werden nachvollziehbar und plausibel gezeichnet. 007 erzählt dagegen weniger aus dem Nähkästchen, lässt dafür aber ein paar Tränen fließen. "Skyfall" ist ein temporeicher Agentenfilm, der den Zuschauer von Anfang an fesselt. Das ist ganz großes Kino. Hans-Peter Linz