Buchtipp : Jane Eyre

„Wir sind zum Kämpfen und Ausharren geboren. Sie genauso wie ich. Also tun Sie‘s.“ – So spricht die selbstbewusste Titelheldin Jane Eyre des gleichnamigen britischen Roman-Klassikers der Autorin Charlotte Brontë (1816-1855) zu Mr. Rochester, der in sie verliebt ist.

Auch sie will nur diesen Mann, muss ihn aber wegen ihrer moralischen Prinzipien als – wenn auch unglücklich – Verheirateten abweisen – bis die Lage sich nach einer für beide langen Lei-
densphase wendet.

Der über weite Strecken autobiografische Roman zählt zur Weltliteratur und die Lektüre ist heute lohnender denn je. Zunächst, weil das, was im Jahr seiner Veröffentlichung, 1847, ein Skandal war,
heute als selbstverständlich gilt und die Geschichte modern macht: Eine Frau setzt sich gegenüber männlichen Machtansprüchen zu Wehr, verschafft sich Respekt, geht unbeirrt ihren eigenen Weg und nimmt sich das Recht, ein leidenschaftliches und romantisches Liebesideal zu leben. Dann zählt auch folgende Betrachtung: Während die Erkenntnis der Härte, oft auch Kürze, und der Unbarmherzigkeit des Lebens heutige Leser während der Corona-Pandemie erschrecken mag, war sie früheren Generationen und so auch der Autorin und ihrer Titelheldin stets präsent.
Die intelligente und gefühlsstarke Romanfigur Jane Eyre kennt die Waffen, die dagegen einzusetzen sind. Sie bietet dem Leben
und den Männern die Stirn mit
Zähigkeit, Eigensinn und Treue
gegenüber den eigenen Idealen: Jane Eyre wächst als armes Waisenkind im Haus einer hartherzigen, verwitweten, angeheirateten Tante auf, deren drei Kinder auf sie herabsehen und sie nach dem Vorbild ihrer Mutter schikanieren. Das sensible Mädchen reagiert auf diese Behandlung mit Rückzug, Verstocktheit und Widerworten. Als die Ereignisse sich zuspitzen, schickt die Tante sie in ein Internat, das von einem bigotten Geistlichen geleitet wird. Dort erfährt die Titelheldin Hunger,
Kälte und Ungerechtigkeit, begegnet aber auch Menschen, die ihr Gutes tun und denen sie sich anvertrauen kann. Als Jane erwachsen ist, nimmt sie eine Stelle als Gouvernante an und verliebt sich in den Hausherrn – Mr. Edward Rochester. Dieser
erkennt in ihr eine geistig ebenbürtige Partnerin und macht ihr einen Heiratsantrag, verheimlicht aber, dass er bereits verheiratet ist – mit einer bösartigen, an Wahnsinn Erkrankten. Vor dem Traualtar ereilt Jane diese Nachricht. Sie flieht, kann Rochester aber nicht vergessen. Dieser erleidet nach der Trennung einen weiteren Schicksalsschlag, ein Unglück, das ihn zum Krüppel macht und seine geisteskranke Frau das Leben kostet.
Als Jane davon erfährt, weiß sie, was sie zu tun hat.
Auch potenzielle männliche Leser dürfen versichert sein, dass sie der spannende Entwicklungs- und
Liebesroman über die genannten zu gewinnenden Einsichten hinaus für Stunden geistreich unterhalten kann. Zudem bekommen sie Einblick in das Innere einer ebenso klugen wie charakterstarken Frau.

Sabine Ganz

Charlotte Brontë: Jane Eyre; Insel-Verlag, Taschenbuch, 653 Seiten, 12 Euro, ISBN: 978-3-458-36425-2.