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Jede Krise bietet Chancen

Bitburg. Die Lesungen mit Anselm Grün sind begehrt beim Eifel-Literatur-Festival. Auch in diesem Jahr waren die 860 Plätze in der Bitburger Stadthalle rasch ausverkauft. Die, die Karten hatten, erlebten einen spirituellen Abend mit dem Pater aus der bayerischen Abtei Müller-Schwarzach, bei dem es um das Überwinden von Krisen ging. Nora John

Bitburg. Pater Anselm Grün braucht nicht die große Bühne. Ein kleines Podest reicht dem Mann in der schwarzen Kutte, um das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Es ist mucksmäuschenstill in der großen Bitburger Stadthalle. Ganz in sich ruhend, freundlich und dennoch charismatisch trägt Anselm Grün seine Ansichten zur Bewältigung von Krisen vor. Dabei durchziehen die Begriffe "Krise" und "Bilder", die aufgebrochen werden müssen, den Vortrag wie einen roten Faden.
Grün, der von vielen als geistlicher Berater geschätzt wird, beschreibt verschiedene Krisen, in die Menschen geraten. Angefangen von der Identitätskrise junger Menschen, die sich fern des Elternhauses neu zurechtfinden müssen bis hin zur Krise des Alterns.
Auch äußere Krisen, die durch Krankheit oder Tod eines nahestehenden Menschen entstehen, kommen zur Sprache. Als Grund für solche schwierigen Zeiten sieht Grün ein falsches Selbstbild und ein Ungleichgewicht der Kräfte. Jeder habe Liebe, aber auch Aggression in sich. Wenn jemand aber seine Aggression ständig unterdrücke, führe das zu einem Ungleichgewicht.
Grün rät, nicht rückwärts zu schauen, beispielsweise bei einer Krankheit. Es bringe nichts, die Schuld in der Vergangenheit zu suchen. Wichtig sei, nach vorne zu blicken und zu sehen, wie man gestärkt aus der Krise hervorgehen könne. Auch hier spricht Grün davon, das eigene negative Selbstbild aufzubrechen. Man müsse bereit sein zur Veränderung, um in der Krise auch eine Chance zu sehen.
Gut sei es, so Grün, wenn man sich in schwierigen Lebenssituationen Rat hole. Aber man dürfe nicht erwarten, dass der andere die Probleme löst. In diesem Zusammenhang spricht der Pater auch von den "Aber-Geistern". Menschen, die allen Veränderungen ein "Ja aber" entgegenhalten, laufen seiner Ansicht nach Gefahr, stets im eigenen Selbstmitleid zu schwimmen und nicht weiterzukommen.
Jesus ist kein Zauberer


Auch das Gebet legt Grün seinem Publikum ans Herz. Man solle aber Jesus nicht als Zauberer anrufen, sondern das Gebet als Raum der Stille nutzen. In diesem Raum der Stille könne man sich selbst finden an einem geschützten Ort und allem Chaos entfliehen. Den Abschluss des Vortrags bildet eine Übung.
Alle Zuhörer erheben sich von ihren Sitzen, und Grün fordert dazu auf, dem "inneren Kind" nachzuspüren und dieses zu umarmen. Dabei spricht er unter anderem von dem überforderten Kind, dem missachteten Kind, dem ängstlichen Kind. Auch hier können, laut Grün, falsche Selbstbilder aufgebrochen werden. Die Zuhörer lauschen auch hier andächtig, außer dem Rauschen des Projektors ist nichts zu hören.
Zehn Volksfreund-Leser hatten schon vor der Lesung Gelegenheit, den Autor zu treffen. In lockerer Atmosphäre hat Grün mit ihnen über seine weitere Pläne und seine Bücher gesprochen.