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Ausstellung: Jedes Stofftuch steht für einen Toten

Ausstellung : Jedes Stofftuch steht für einen Toten

Zu seinem 35. Jubiläum legt das Kulturzentrum Tufa in Trier kein Festprogramm auf, sondern widmet sich einem sehr ernsten Projekt: dem Gedenken an die Opfer der Jugoslawien-Kriege in den 1990er Jahren.

Dass es wenige Jahrzehnte nach Faschismus und Holocaust in Europa erneut zu einem Völkermord kommen könnte, haben viele Europäer nicht für möglich gehalten. Hunderttausende Menschen flüchteten Anfang der 1990er Jahre aus Jugoslawien, vor allem aus Bosnien-Herzegowina, vor dem dortigen Bürgerkrieg, viele nach Deutschland. Darunter waren zahlreiche Frauen, die um ihre Männer, um Kinder und weitere Angehörige bangten. Erst allmählich stellte sich heraus, dass sie ihnen nie mehr begegnen würden. Dass sie tot waren.

Die Trierer Tufa zeigt 25 Jahre nach dem Massaker von Srebrenica, bei dem nach offiziellen Angaben in einer UN-Schutzzone 8000 männliche Personen ab 13 Jahren von bosnischen Serben ermordet wurden, eine einzigartige Ausstellung zum Gedenken an die Opfer dieses Bürgerkrieges. „1000 Tücher gegen das Vergessen“ heißt der Titel, doch die Initiatorin, die Schweizer Künstlerin Anna S. Brägger, weist im Gespräch gleich auf dessen Ungenauigkeit hin. Längst sind es mehr als 1000 Tücher – „und es werden immer mehr“, sagt Brägger, die sich „als Hebamme“ des Projekts bezeichnet. Gemeinsam mit den geflüchteten, traumatisierten Frauen aus Ex-Jugoslawien hat sie in Berlin im Rahmen der Therapie-Arbeit des Vereins südost-Europa Kultur begonnen, die Namen und Lebensdaten von „verschwundenen“ oder ermordeten Männern auf Tücher zu sticken. Daraus entstanden und entstehen weiterhin individuelle „Grab“-male. Mit ihren Lieblingsblumen oder anderen Motiven schmücken die stickenden Frauen die Tücher aus. Brägger fügt die einzelnen Teile dann zu großen Stoffbahnen zusammen und schafft damit ein bewegliches Denkmal, das seit 2004 im In- und Ausland präsentiert wird. Die riesige „Rolle des Gedenkens“ (bosnisch: „Rola sjecanja“) ist mittlerweile rund 50 Meter lang und 2,20 Meter hoch. Jedes der 30 mal 30 Zentimeter großen weißen Stofftaschentücher steht für einen Toten, einen schmerzlich vermissten Menschen.

Oftmals hat die kreative Arbeit bei den Frauen schlimmste Erinnerungen zutage gefördert und den schweren Prozess des Abschiednehmens erst beginnen lassen. „Oftmals“, so Anna Brägger, „war dies die einzige Möglichkeit, dem Tod ein sichtbares Zeichen des Gedenkens zu geben.“ Zugleich wirkt es wie ein Mahnmal auch für jene, die persönlich keinen Angehörigen oder Freund in diesem Krieg verloren haben, sich aber vom Thema Frieden und historischer Schuld berühren lassen.

In Trier wird die lange Rolle in seiner ganzen Wucht auf einem von Brägger geschaffenen Bambusgerüst zu sehen sein. Dazu erläutern Texte auf Tafeln die Hintergründe des Jugoslawienkriegs. Landschaftsfotos stimmen auf die Balkanregion ein. Und wer die Frauen, die die Tücher bestickt haben, selbst hören möchte, kann dies auf einem Youtube-Video tun, wo die Rolle des Gedenkens abrufbar ist. Mit zahlreichen Veranstaltungen vom Sticken-Workshop über Konzerte bis zu Theater- und Filmvorführungen zeigt die Tufa im Jahr ihres 35. Bestehens, wie wichtig ihr gesellschaftliches Engagement und Friedensarbeit sind. „Für den Erhalt des Friedens ist es notwendig, Geschichte zu verarbeiten – sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf der persönlichen Ebene“, erklärt Ministerpräsidentin Malu Dreyer als Schirmherrin im Flyer zur Ausstellung. Sie spricht von einem „wundervollen Projekt“ „von ungemein hoher Bedeutung“.

Die Ausstellung „1000 Tücher gegen das Vergessen“ in der Tufa läuft vom 6. März bis 26. April. Geöffnet ist sie dienstags, mittwochs und freitags von 14 bis 17 Uhr, donnerstags von 17 bis 20 Uhr und am Wochenende von 11 bis 17 Uhr. Der Eintritt kostet 2 Euro.