Bildung Joachim Król: Ich hatte auch einen Mutmacher

Trier · Jeder achte Erwachsene kann in Deutschland nicht richtig lesen und schreiben – ein Manko, gegen das zahlreiche Akteure überall im Land mobil machen. Prominente Unterstützung haben sie etwa durch Schauspieler Joachim Król, der an diesem Sonntag in Trier auf der Bühne steht.

 Mimisch, gestisch und stimmlich ein As: Joachim Kròl liest Camus. (TV-Foto: Dirk Tenbrock)

Mimisch, gestisch und stimmlich ein As: Joachim Kròl liest Camus. (TV-Foto: Dirk Tenbrock)

Foto: Dirk Tenbrock

Vom armen Knirps zum Nobelpreisträger – die Lebensgeschichte von Albert Camus (1913-1960) ist fast zu schön, um wahr zu sein. Doch sie ist wahr. Der in einfachen Verhältnissen in der französischen Kolonie Algerien aufgewachsene spätere Schriftsteller hätte ohne die persönliche Fürsprache seines Lehrers keine Chance gehabt, aufs Gymnasium zu gehen und etwas anderes als Hilfsarbeiter zu werden. Camus erinnert sich in seinem Buch „Der erste Mensch“ an das Milieu seiner Kindheit, in dem niemand zu Hause lesen und schreiben konnte, und seinen Weg hinaus ins „Abenteuer Bildung“. Höhepunkt seiner Entwicklung: 1957 bekam er den Literaturnobelpreis.

Wenn Camus‘ autobiografisches Werk in der Bühnenfassung von Martin Mühleis an diesem Sonntag erneut auf die Bühne des Trierer Theaters kommt, dann steht das Thema Alphabetisierung noch mehr als beim ersten Besuch im Januar 2019 im Fokus des Abends. Denn in Deutschland hat jeder achte Erwachsene Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. Sie können zwar Buchstaben, Wörter und einzelne Sätze lesen und schreiben, haben jedoch Mühe, einen längeren zusammenhängenden Text zu verstehen. Das macht die Gutenachtgeschichte für die Kinder, die Speisekarte im Restaurant, den Brief vom Amt oder den Beipackzettel eines Medikaments häufig zur unüberwindbaren Hürde. Damit sich das ändert, bietet das Theater am Sonntag zum Forum der Auseinandersetzung mit dem Thema.

Wieder präsentiert dann der Bühnen- und Filmschauspieler Joachim Król gemeinsam mit dem Orchèstre du Soleil die bewegende Reise Camus‘ in die Kindheit. Króls emotionaler Auftritt begeisterte das Trierer Publikum. Auch im Leben von Joachim Król sorgte ein aufmerksamer Lehrer dafür, dass er das Gymnasium besuchen durfte. „Ich weiß nicht, ob meine Eltern das von allein durchgesetzt hätten. Da war die Stimme des Lehrers einfach lebensentscheidend für mich“, berichtet der Schauspieler rückblickend auf seine eigene Geschichte. „Es führt kein Weg daran vorbei, immer wieder zu sagen, dass der Schlüssel für die Lösung vieler Probleme, die wir heute haben, in der Investition in Bildung liegt.“

Hier setzt die Initiative „Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung“ (AlphaDekade) an, die das Publikum dafür sensibilisieren will, dass auch heute jeder achte Erwachsene nicht ausreichend lesen und schreiben kann. Die Zahlen stammen aus der sogenannten Leo-Studie der Universität Hamburg, die regelmäßig Daten zur Alphabetisierung erhebt. 2019 machte sie bundesweit 6,2 Millionen Betroffene aus. Mit der Begleitung der Theatertournee „Der erste Mensch“ will die AlphaDekade von Bund und Ländern mit ihren regionalen Partnern dazu beitragen, Lese- und Schreibschwierigkeiten Erwachsener zu enttabuisieren und potenzielle Multiplikatoren auf Lernangebote in der Region aufmerksam machen. „Joachim Król macht es so schön plastisch deutlich, wie das ist, in so einer Familie aufzuwachsen“, sagt Maike Just, Sprecherin der AlphaDekade dem TV. Ganz häufig fühlten sich Menschen mit „geringer Literalität“, wie das genannt wird, mit ihrem Problem allein. Kurse für Betroffene hätten dann den großartigen Effekt, dass sie erleben, „dass da noch andere sind“. Deshalb sei es so hilfreich, wenn Betroffene ermutigt würden, entsprechende Kurse aufzusuchen. Im Theater will AlphaDekade solche Mutmacher gewinnen, wie es die Lehrer von Albert Camus oder Joachim Król für diese gewesen sind. „Wir hoffen“, so Just, „mit Theaterbesuchenden ins Gespräch zu kommen.“ Auch Betroffene aus Trier sind dabei. Sie haben sich in der Selbsthilfegruppe „Wortsalat“ zusammengeschlossen. Vor Ort engagiert sich zudem das Trierer Bündnis für Alphabetisierung und -grundbildung.

Jeder Dritte kennt Studien zufolge jemanden, der oder die nicht lesen oder schreiben kann. Besonders betroffen sind Berufsgruppen wie Gastronomie, Logistik und Reinigungswesen. Die meisten Betroffenen, die den Schritt zum späten Lernen gehen, haben Mutmacher, die ihnen den Weg zeigen. Just: „Wir möchten den Leuten die Augen öffnen, dass sie jemandem Mut machen.“

Die Vorstellung beginnt um 18 Uhr, der Info-Stand der AlphaDekade steht ab 17 Uhr im Theaterfoyer bereit.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort