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Joe Bausch im Trifolion in Echternach

Kultur : „Die Grundstimmung ist der Blues“

Mediziner, Autor und Schauspieler Joe Bausch berichtet im Trifolion in Echternach vor vollem Haus unterhaltsam wie informativ über seine Jahre als Gefängnisarzt.

Krimi-Fans kennen ihn: Wenn sonntags der Kölner „Tatort“ die wackeren Kommissare und ihre Fans in Atem hält, ist auch gleich Joe Bausch zur Stelle. Als Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth geht er seinen Leichen ans Eingemachte. Der spröde, wortkarge Tatort-Forensiker hatte im wirklichen Leben nicht nur stumme Patienten. Als Regierungsmedizinaldirektor der Justizvollzugsanstalt Werl bei Soest hat der studierte Mediziner und einstige Student der Theaterwissenschaft sein Berufsleben hinter Gittern verbracht. Auge in Auge mit Mördern, Räubern, Dealern und Vergewaltigern, die ihre Haftstrafen im „härtesten Gefängnis Deutschlands“ (Bausch) absitzen. Da ist der Arzt immer wieder auch als Psychotherapeut und Beichtvater gefordert.

Was ihm im Lauf seiner 30 Dienstjahre an „True-Crime-Geschichten“ anvertraut wurde, hat der 1953 geborene Wahl-Westfale in seinem zweiten Buch „Gangsterblues“ gesammelt, das es gleich auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Mit seinen „harten Geschichten“ war Bausch jetzt zu einem Lese-und Signierabend im Trifolion Echternach zu Gast. Eins steht fest: Der Mann kennt den Unterschied zwischen Wirklichkeit und Film. Zudem besitzt er eine erfrischend selbstironische Distanz zur eigenen Person und ihrer medialen Präsenz.

Eigentlich sollte der Abend eine Lesung sein. Aber zum Glück erzählte Bausch die meiste Zeit und das ausführlich denn „ich kann alles außer kurz“. Kurzweilig sein kann er dafür bestens, wenn er wohltuend nüchtern die ganze Themenpalette rund um den Knast abarbeitet. Erst mal gab es Medienkritik satt. Immerhin ist Bausch ein viel gefragter Talkshowgast, wenn es um Haft und Sicherheitsfragen geht. Als mediales Absurdistan, in dem Fachleute kaum zu Wort kommen und dafür Politiker pausenlos über alles reden, stellte sich in seinem launigem Bericht der Talk-Wahn dar.

Gefragt als „Medien-Justizvollzugsanstalt“ (Bausch) ist bei Kamerateams auch das Werler Gefängnis selbst mit seinem Hochsicherheitstrakt und den rund 1000 Häftlingen, unter denen 270 Mörder sind. Da gelte es jedesmal zwischen berechtigtem Medieninteresse und der Verantwortung für die Häftlinge abzuwägen. Der Blues sei die Grundstimmung, die in einer Haftanstalt „unter den Zellentüren durchkriecht“, erläuterte Bausch seinen Buchtitel. Einmal mehr machten seine Erzählungen deutlich, dass Gefängnisse Orte mit einer eigenen Subkultur sind, in der Gewalt, Betrug, Nötigung und Versuche von Selbstjustiz an der Tagesordnung sind.

So wie in der Geschichte von einem Gefangenen, der beim Krafttraining Opfer eines Angriffs durch Mithäftlinge wird. Wie sich herausstellt, hat der Schwerverletzte nicht nur seine Mitgefangenen misshandelt, sondern auch mit Hardcore-Pornos gehandelt und ist in Kindesmissbrauch verwickelt. Sorge macht Bausch die fehlende Ausbildung von immer mehr Inhaftierten und die damit schwindenden Aussichten auf Resozialisierung.

Bausch berichtete von Schuld, mangelnder Reue, von Angst, Wahnvorstellungen, Häftlingshierarchien und von Langzeitinhaftierten, denen das Gefängnis zu einer Art Heimat geworden ist. Klarsichtig sprach er über die Fähigkeit von Psychopathen, Menschen zu manipulieren und befürwortete eine intensivere Betreuung durch die forensische Psychiatrie.

Wie sehr Gefängnisse Spiegel der Gesellschaft sind, war an der wechselnden kriminellen „Belegschaft“ der Haftanstalt in den 30 Dienstjahren des Autors zu erfahren. Den „RAF-Frauen der zweiten Generation“ seien die alten Nazi-Täter gefolgt, bevor die HIV-Patienten gekommen seien.

Es sei eine spannende Zeit gewesen, resümierte Bausch und las zum Schluss noch eine filmreife Geschichte von einem alten Einbrecher-Trio, das seinen amputierten Kumpel huckepack nimmt. „Das hier ist eine Werbeveranstaltung“, sagte der Autor am Ende und hielt sein Buch hoch, „aber nicht für den Knast“. Vor der Lesung war eine Ausstellung mit Werler Häftlingsporträts der Fotografin Thea Weires eröffnet worden.