Josef Zierden nimmt Abschied vom Eifel-Literatur-Festival

Kostenpflichtiger Inhalt: Archiv Oktober 2019 : Ein Festivalmacher und der Gedanke an den Tod - Josef Zierden nimmt Abschied vom Eifel-Literatur-Festival

Nach einem Schicksalsjahr hat Josef Zierden entschieden, sich vom Eifel-Literatur-Festival zu verabschieden. 2020 gibt es nur eine Lesung: Sebastian Fitzek kommt nach Wittlich. Ab 2021 wird vieles anders.

Er setzt die Brille ab, streicht sich über die Augen, ringt mit zitternden Lippen um Fassung. Die meisten kennen Josef Zierden als Mann der Bühne. Im lockeren Gespräch mit den Stars der deutschen Literaturszene. Sie kennen ihn als Kenner. Und als Macher, dem es mit seinem Festival gelang, vier Nobelpreisträger und Dutzende Bestsellerautoren in die Eifel zu locken.

Doch nun sitzt Josef Zierden in seinem Trierer Alterswohnsitz an einem Tisch voller Dokumente aus 25 Jahren Festivalgeschichte und denkt zurück an 2016. „Es war ein Schicksalsjahr“, sagt der 65-Jährige. Als er sich damals schnaufend auf die Bühne schleppte, um die Autoren anzukündigen, als er vor Erschöpfung kaum noch laufen und trotzdem nicht schlafen konnte, dachte er, es plage ihn eine Bronchitis. Noch in der Saison zeigte sich: Es war keine Bronchitis, sondern das Herz. Hinzu kam Darmkrebs und dann erkrankte auch noch seine Frau. Die Erkenntnis, wie endlich das Leben ist – und wie unendlich kostbar, traf Zierden hart. Auf den Wiesen seiner Kindheit habe er sich gesehen.

„Ich will leben, leben, leben“, sagt er nun drei Jahre später und zieht Konsequenzen. „Man soll aufhören, wenn es bedauert wird“, habe Gregor Gysi beim Eifel-Literatur-Festival 2018 gesagt, das viel, viel anstrengender war, als der pensionierte Lehrer erwartet hatte. Und so hört Zierden auf. Wenn auch – anders als zunächst geplant – weder sofort noch komplett. Sang- und klanglos aufgeben kann er sein Festival dann doch nicht. Noch einmal „für zweieinhalb Jahre vom Leben wegschließen“ will er sich allerdings auch nicht.

So wird es 2020 statt der üblichen zwei Dutzend Lesungen nur eine einzige geben: „Thrillerkönig“ Sebastian Fitzek liest am 8. Mai im Wittlicher Eventum (der Vorverkauf startet am 4. November). Für Fitzek hat sich der Festivalchef nicht nur deswegen entschieden, weil es dem Autor zweifellos gelingen wird, die 1446 Plätze zu füllen. Sondern auch, weil er bereits 2016 und 2018 dabei war. Im Schicksalsjahr hatte Zierden es nach Intensivstation und Operation gerade so geschafft, beim Finale mit Fitzek vor Ort sein. Dass dessen neues Buch „das Geschenk“ heißt, scheint dem 65-Jährigen passend. Es sei ein Geschenk, die Eifel 25 Jahre lang in eine Literaturbühne verwandelt zu haben und ein Geschenk, dass Fitzek die Geschichte des Festivals beschließe.

Ab 2021 startet das „Eifel-Literatur-Festival Special“ dann in stark abgespeckter Form mit maximal zehn Lesungen pro Saison. Ein Mitglied des Vereins Literaturbüro Eifel werde nun in die Organisation eingebunden und diese künftig übernehmen. In seiner bisherigen Form sei das Ganze ehrenamtlich nicht zu stemmen. Jedenfalls nicht ohne „Selbstausbeutung“. Und von der hat Zierden die Nase voll. Gerade erst sei er mit der Abrechnung von 2018 fertig. Tausende ehrenamtliche Arbeitsstunden habe er geleistet, selten vor 22 Uhr den Schreibtisch verlassen. Die Bürokratie bei der Prüfung der Verwendungsnachweise sei „monströs angeschwollen“. Die Wertschätzung seitens der Behörden jedoch sei gesunken. Wütend erzählt der Germanist, dass die ADD die Notwendigkeit eines Arbeitszimmers bestritten habe ebenso wie jene eines 261,40 Euro teuren Arbeitsessens mit den ehrenamtlichen Mitarbeitern, bei dem man geklärt habe, wer Einlasskontrollen übernimmt oder Autoren von A nach B bringt. Und dann die Dispute mit einem Beamten, der Zsuzsa Bank für ein Geldinstitut halte.

Noch wütender wird der Prümer, wenn er daran denkt, welche Ausstattung andere Kulturfestivals genießen, wie das Mosel Musikfestival oder Tatort Eifel. Pro Besucher zahle das Land ihm lediglich einen Zuschuss von 3,57 Euro. Bei den anderen sei es ein Vielfaches. Monatssalär, Büro, hauptamtliche Mitarbeiter. Davon könne er nur träumen. Und dann die Sorge, die Hallen so zu füllen, dass am Ende kein Minus unterm Strich steht...

Obwohl es ihm „ewig Spaß machen würde, tolle Autoren in die Region zu holen“, hat er nun genug. Zierden freut sich darauf, in Büchern zu versinken, ohne über passende Hallen nachzudenken. Er freut sich aufs Schreiben und darauf, Kindlers Literatur Lexikon „mal von vorne bis hinten zu lesen“. Fest steht: Ein Mann der Literatur wird er bleiben. Selbst dann, wenn es ihm wirklich gelingen sollte, sich ganz und gar vom Festival zu verabschieden.

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