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Joya Ghosh inszeniert "Nackt steh ich vor euch" in Trier

Theater : Schonungsloses Stück, überzeugend gespielt

Joya Ghoshs Inszenierung im Trierer Schmit-Z widmet sich Monologen der weiblichen Diversität.

„Hey, Frau Lehrer, ich bin ihr Verehrer.“ Dieser Satz ist der Lehrerin im Kopf geblieben. Natürlich weiß sie, dass der Schüler nicht 18 Jahre alt ist, wie er behauptet, sondern 15, aber sie fühlt sich „auch so geil wie seit 15 Jahren nicht mehr“ und ein bisschen Glück habe die Vertretungslehrerin mit den Halbjahres-Verträgen auch verdient, meint sie. Am Ende landen sie und der Schüler in einem Motel, aber der Schüler ist von der Situation überfordert. „Ich glaube, ich liebe sie nicht. Ich will nach Hause“, sagt er zu ihr und sie denkt nur: „Kacke, das Bier wird warm.“ Joya Ghosh spielt diese Rolle in dem Stück „Nackt steh ich vor euch“ von der amerikanischen Schriftstellerin Joyce Carol Oates, das am Freitag Premiere im Schmit-Z-Theater Trier feierte und noch am 5., 8. und 14. März zu sehen sein wird.

 Das Drama besteht aus elf Monologen von ganz verschiedenen Frauen-Rollen. Sechs hat Ghosh, welche das Stück inszeniert hat, ausgewählt. Da ist zum Beispiel die Schwangere, welche sich anklagenden Fragen ihres ungeborenen Kindes stellt. Da ist die magersüchtige Teenagerin, welche versucht, ihre Bulimie vor ihrer Mutter geheim zu halten, bis diese ihr eines Tages den weiten Pullover am Körper zusammenzieht und erschreckt. Es gibt die reiche Dame, welche die Sinnlichkeit des Geldes beschwört. Und es gibt eine psychotische Frau, die am Leben zerbrochen und in den Glauben geflüchtet ist.

Neben Ghosh werden diese Rollen von Rosângela Ferreira und Ilka Becirevic verkörpert. Antonia Knaupe trägt als Vorspann eine eigene lyrische Darbietung vor. In der letzten spielen alle drei Hauptdarstellerinnen ein und dieselbe Frau: eine tote Go-Go-Tänzerin, die von einem Mann ermordet wurde. Diese Thematik war für Ghosh auch das Initial. Vergangenes Jahr stieß sie auf eine Meldung des Bundeskriminalamtes, laut der im Jahr 2018 in Deutschland 122 Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern ermordet wurden. Jeden dritten Tag eine. Das hat sie schockiert. Ghosh möchte mit „Nackt steht ich vor euch“ auf das Thema Gewalt gegen Frauen hinweisen. Aber nicht nur. „Diese Monologe finde ich gut, weil sie so vielfältig sind. Es sind Frauen, die verrückt werden, weil sie am Leben scheitern, einsam oder mit sich selbst uneins sind“, sagt Ghosh, die das Ensemble seit rund drei Jahren leitet. Sie möchte aber trotz der ernsten Themen auch unterhalten – und das ist ihr und ihren Schauspiel-Kolleginnen auch gelungen. Das Publikum, fast ausschließlich Frauen, nahmen die Vorführung am Freitag sehr wohlwollend an. Sowohl Ghosh als auch Ferreira und Becirevic spielen ihre Rollen überzeugend und mit Nachdruck. Sicherlich auch, weil sie sich mit der Thematik identifizieren können. „Wir Frauen wollen so gesehen werden wie wir sind. Wir sind nicht nur Körper“, sagt Ferreira. Becirevic sagt: „Es ist ein sehr schonungsloses Stück über gesellschaftliche Bilder und die Auswirkungen, die sie auf einzelne haben können.“ Und es gehe darum, was es mit einem mache, wenn man permanent nach außen etwas anderes zeigen müsse, als was in einem passiere.