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Vinyl der Woche: British Steel – Judas Priest: Judas, Ringo und die jungen Wilden

Vinyl der Woche: British Steel – Judas Priest : Judas, Ringo und die jungen Wilden

Vor 40 Jahren erscheint British Steel der Heavy-Metal-Band Judas Priest. Eine Zeit, in der Iron Maiden, Def Leppard & Co. noch als junge Wilde durchgehen. Was Judas Priest diesen Bands 1980 voraus hatte.

Es klingt heute mehr als surreal, wenn man von Iron Maiden, Def Leppard und Saxon als junge, aufstrebende Bands spricht, die versuchen, sich einen Namen zu machen. Doch die Bands, die den britischen Metal geprägt haben, befinden sich 1980 in einem Kampf um die Spitze der Szene. Einem Kampf, den sie (vorerst) nicht gewinnen, weil ihnen die bereits etablierte Band Judas Priest mit dem Album British Steel einen Strich durch die Rechnung macht.

Denn die Priester haben den „jungen Wilden“ etwas voraus: mit Alben wie Sad Wings Of Destiny (1976) oder Killing Machine (1978) haben sie vorgelegt. Im Vergleich dazu veröffentlichen Iron Maiden, Def Leppard und Saxon 1980 erst ihre Debütalben. Klar, diese werden auch zu Klassikern, aber den direkten Vergleich gewinnt British Steel – weil Judas Priest mit Erfahrung punktet.

Auch wenn sich Judas Priest 1969 zunächst als Blues-Band gründen, sammeln sie Erfahrungen. Als sie Mitte der 1970er-Jahre zum Heavy Metal umschwenken, werden sie zu einem der Flaggschiffe der New Wave Of British Heavy Metal, unter der junge, britische Bands verzeichnet werden, die sich an frühen Heavy-Metal-Bands (wie Black Sabbath) orientieren, aber die Energie des Punk mit einbauen.

Natürlich kann man es auch als glückliche Fügung bezeichnen, dass 1980 für Judas Priest viel Gutes zusammenkommt. Wie beschrieben ist die Zeit reif für Heavy Metal. Gleichzeitig sind viele andere Bands noch einige Jahre von ihrem Höhepunkt entfernt. Außerdem tritt Judas Priest zu dieser Zeit in seiner stärksten Besetzung an – wozu der Neuling am Schlagzeug, Dave Holland, seinen Teil beiträgt. Dass dieser später wegen sexueller Belästigung Minderjähriger verurteilt wird und 2018 zu früh stirbt, klammern wir an dieser Stelle aus.

Denn hier geht es um die Musik. Die Genialität der Priester rührt aus ihrer Erfahrung. Sie erkennen die Zeichen der Zeit. Einerseits stürmen eingängige Stücke des Albums wie Breaking The Law oder Living After Midnight die Charts, andererseits machen sich Hymnen wie You Don’t Have To Be Old To Be Wise einen Namen in der Szene, da sie genau den Geschmack der treuen Fans treffen. Ein weiteres Erfolgsgeheimnis: Musikalisch unterscheidet sich British Steel nur wenig von seinen Vorgängeralben. Durch scharfe Gitarrenriffs und Hymnen-Gesang waren schon diese erfolgreich – also wieso das Rad neu erfinden?

Auch textlich geht Judas Priest kein großes Risiko, orientiert sich am Gemeinschaftsgefühl der Fans (vor allem im Song United) und dem gerne thematisierten Lebensstil der britische Jugend (zum Beispiel in Breaking The Law). Alles Themen, die sehr nah an der Hörerschaft sind und eigentlich nicht schiefgehen können. Und ganz nebenbei erschafft sich die Band mit Metal Gods auch noch einen neuen, gar nicht so schlechten Beinamen.

Auch was den Arbeitsort angeht, bleiben sich Judas Priest treu. Das Livealbum Unleashed in the East war in den Startling Studios abgemischt worden – die keinem geringeren gehören als Beatle Ringo Starr. Das Anwesen der Studios, der Tittenhurst Park, gehörte vorher John Lennon und Yoko Ono. Für die Aufnahmen braucht die Band 28 Tage, was daran liegt, dass sie unvorbereitet ins Studio geht. Laut Gitarrist Glenn Tipton stehen erst 40 Prozent der Songs, als die Arbeiten beginnen. Es geht zwar alles gut, doch die Band schwört sich, nie wieder unvorbereitet in ein Studio zu gehen.

Vielleicht ist genau aus dieser schlechten Vorbereitung die Einfachheit und Eingängigkeit entstanden, die das Album kommerziell derart erfolgreich werden lassen. Wahrscheinlich war es jedoch einfach genau die richtige Musik, zur idealen Zeit.

Christian Thome