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Juwelen im Angebot, Pech in der Liebe

Juwelen im Angebot, Pech in der Liebe

Das internationale Theaterfestival „Grafiti“ in Trier ist am Wochenende zu Ende gegangen. Studenten spielten zum Abschluss spanischsprachige Stücke auf der Bühne in der Tufa Trier.

Los Mutantes Foto: Miguel Castro
Los Mutantes Foto: Miguel Castro
La Clinica Foto: Miguel Castro
Foto: Miguel Castro
Foto: Miguel Castro

Räuber Tin Tan hat es nach diversen Fehlschlägen geschafft: Mit den erbeuteten Juwelen in der Hand eröffnet er seiner geliebten Carmelita (Diana Rode), dass nun für beide ein sorgenfreies Leben anstehe. Das denkt sich die vermeintlich unschuldig-naive Schönheit auf der Bühne des kleinen Saals der Tufa Trier auch - ein Leben allerdings ohne den charmanten Dieb, der von Diego Nuñez verkörpert wird. Und hält plötzlich eine Pistole in der Hand. Der Betrüger, der als vermeintlicher Maler, Stimmtrainer und Adeliger die Reichen austrickst, er wird selbst zum Opfer … gut, dass es da noch einen hilfsbereiten Polizisten und Tin Tans Bande gibt, die ihrem Chef beisteht.

Die spanischsprachige Theatergruppe "Los Mutantes" der Uni Saarbrücken spielt die auf einem mexikanischen Film basierende Geschichte um den glücklosen König des Viertels, dem "Rey del barrio", mit viel Humor und Freude. Die 16 Mitglieder - Gang, ihre überdreht gezeichneten Opfer wie eine brillant aufspielende Flamencotänzerin oder besagte Carmelita - wechseln sich in kurzweiligen Episoden ab. Dazwischen drehen sie vier mit Stoffbahnen verkleidete Quader, um jeweils neue Kulissen präsentieren zu können. Auch Regisseur Angel Alfaro ist als einer der vier alles andere als erfolgreichen Bandenmitglieder dabei - die übrigens in einer herrlich schrägen Szene im Suff lieber eine überaus wertvolle Tequilaflasche austrinkt statt sie zu klauen. Das überwiegend junge Publikum ist begeistert.

Der Auftritt der Mutantes am vergangenen Samstagabend war Teil des mehrsprachigen studentischen Theaterfestivals "Grafiti", das seit 2012 in der Großregion stattfindet - diesmal zum zweiten Mal in Trier. Eine Woche lang haben 105 junge Theatermacher aus Frankreich, Finnland, Mexiko, Polen, Trier, Bonn und Saarbrücken geübt und sich ausgetauscht (der TV berichtete). Am Sonntag ging das Festival mit einem Improvisationsauftritt der saarländischen "Saartansbraten" im Foyer des Theaters zu Ende.

Einer der Teilnehmer ist Philipp Krüger, Romanistik-Student an der Uni Bonn und Mitglied der zweisprachigen Theatergruppe "Clínica". "Wir haben in Trier für unsere Hauptaufführung Impressionen und Verbesserungen gesammelt", sagt er. Das Festival habe auch das Gemeinschaftsgefühl der Theatergruppe gestärkt. Clínica-Gruppenleiter Elmar Schmidt fand das Festival "total super". Das Besondere am Fest sei, was aus dem Großregionsgedanken entstanden sei: mehrsprachige Angebote oder der interkulturelle Aspekt. Der Literaturwissenschaftler der Uni Bonn hatte die "Clínica" vor zehn Jahren gegründet.

Auch die Organisatoren sind zufrieden: Mutantes-Direktor Angel Alfaro, zugleich Schatzmeister des "Grafiti"-Vereins, sieht die Bedeutung des im Saarland geborenen Festivals in der kulturellen Integration der Studenten. Das Fest sei offen für alle Gruppen. So habe man eine mexikanische Gruppe aufgrund Kontakte eines der Mutantes-Mitglieder eingeladen. Auch Marc-Bernhard Gleißner, Leiter der Sparte 0.1 am Theater Trier, zieht ein positives Fazit. Das Theater hatte die künstlerische Leitung und Organisation übernommen, etliche Produktionen fanden aber in den Räumen der Tufa Trier statt. "Es war ein Traum, mit der Tufa zusammenzuarbeiten", betont Gleißner. Die Theateraufführungen, für deren Eintritt keine festen Preise galten, seien ab Donnerstag ausverkauft gewesen, es gab Workshops und Führungen für die Teilnehmer. "Die Studenten haben sich über die Strukturen im Theater und der Tufa informiert." Gleißner freute sich über die Teilnahme mexikanischer Gruppen. "Den transatlantischen Dialog mit Mexiko wollen wir ausbauen", sagt er.

Aus dem Land der Azteken war beispielsweise das Duo "Cenital" zu Gast. Schauspieler Baruk Serna trägt mit seiner Partnerin am Freitagabend das Kammerstück "El amante" (Der Liebhaber) von Nobelpreisträgers Harold Pinter vor. Ricardo und Ehefrau Sarah leben eine distanzierte Beziehung, die erst durch ein Rollenspiel aufgepeppt wird: Als Liebhaber "Max" kommen sich Ricardo und seine Frau körperlich näher. Die ist mal gelangweilte Hausherrin, mal dominant-leidenschaftliche Frau. Als Max die "Affäre" beenden will, widersetzt sie sich dem Wunsch - am Ende kniet der Ehemann, eben noch Macho, unterwürfig vor Sarah, die Reitpeitsche in der Hand. Ob als Max oder doch als Ricardo, bleibt im Spiel der Gefühle offen.

Leidenschaftlich sind auch Student Krüger und seine Mitstreiter der Gruppe "Clínica" unterwegs. "No hay orden, solo destrucción" (deutsch: "Es gibt keine Ordnung, nur Zerstörung") heißt ihr Stück, das vor dem "Amante" im kleinen Saal der Tufa läuft - angekündigt als "unfreundliches Eskalationstheater". Das Stück, Abschluss einer Trilogie, sei keine einfach zu verfolgende Erzählung, sagt Schmidt, sondern bewusst als Collage aufgebaut: neben Theatertexten laufen so auch Dokumentationen auf der Bühne. Inhaltlich kristallisiere sich das "unfreundliche Theater" in Form "wütender Texte", erklärt Schmidt.

Fünf Frauen und Männer bepinseln sich die Fuße rot, prügeln aufeinander ein, halten auf Spanisch und Deutsch Kurzvorträge. Da schwadroniert Diktator Pinochet in einer Rede von der "Ordnung", oder ein Verschwörungstheoretiker, den Krügers Schauspielkollege Luis Padberg auf der Bühne umhertorkelnd darstellt, warnt vor Chemtrails. Die Klammer bilden liebevoll gestaltete Videointerviews zu einer fiktiven Autorin aus Chile. Die habe ihr "neues" Theater mit einem blutigen Ritual auf der Bühne umsetzen wollen … Eskalation halt.

Info: Das diesjährige Festival in Trier wurde Theater Trier, der Tufa Trier, Verein Grafiti asbl und der studentischen Theatergruppe Kreuz&Quer organisiert. Kreuz&Quer, 2004 gegründet, fördert laut Gleißner soziokulturelle Theaterarbeit. Das Grafiti-Festival findet abwechselnd in Saarbrücken, Luxemburg, Trier und Metz statt. Für 2018 steht noch kein Spielort fest, 2019 ist Saarbrücken vorgesehen - um das zehnjährige Jubiläum der Veranstaltung zu feiern. Infos: www.quatropole.org und www.festival.grafiti-asbl.com