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Kabarettist Dieter Nuhr in Trier mit Programm „Kein Scherz“

Kabarett : Seiltänzer im Empörungszirkus

„Kein Scherz“: Dieter Nuhr liefert in Trier einen Rundumschlag gegen Genderwahn, Greta-Fanatismus und Geburtstraumata.

Solange die Welt bekloppt ist, gehe ihm der Stoff nicht aus, sagte Dieter Nuhr im TV-Interview (17. Januar). Deren Bewohner fabrizieren tatsächlich tonnenweise Absurditäten mit nahezu keiner Halbwertzeit. In der fast vollbesetzten Arena Trier zog der Kabarettist in einem nach außen gewendeten inneren Monolog am Samstag gut zweieinhalb Stunden vom Leder, wobei ihm das Publikum über sämtliche verschlungene Themenpfade und durch alle Gedankenschleifen willig bis begeistert folgte.

Nuhr präsentierte sich dabei als milder Moralist, der als Motto über seinen Abend „Kein Scherz“ ein symbolisches Banner mit der Aufschrift „Nun wollen wir mal die Kirche im Dorf lassen“ gespannt hatte. Denn Deutschland  sei ein permanent kochender Empörungszirkus, in dem jeder und jede und jedes ständig beleidigt ist. Womit er auch schon beim  Gendersternchenwahnsinn angelangt ist, von dem aus es direkt zum katholisch-muslimischen Grundschulfest geht, bei dem weder Alkohol („einverstanden – Kinder sollten nicht saufen!“) noch Schweinefleisch serviert werden darf. Man fasst sich an den Kopf, Nuhr tut‘s auch und resümiert: „Toleranz ist nicht, die Intoleranz der anderen zu akzeptieren.“

Von den tausend Themen sind alle Anwesenden  irgendwie betroffen – sei es der oft brachliegende Bahnverkehr, sei es die Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn, Bauvorschriften beim Eigenheim sowie Gott und die Welt. Dass dieser ein Mann sein muss, steht für Nuhr fest, denn wäre er eine Frau, hätte er erstens die männlichen Genitalien nicht auf so dusselige und auch ästhetisch nicht gerade ansprechende Weise zwischen die Beine geklemmt und zweitens diesen idiotischen Geburtsvorgang, bei dem Männer regelmäßig umkippen und Frauen an die Schmerzgrenze geraten, anders gestaltet – warum, zum Beispiel, nicht mit Babyklappe?

Ganz großes Thema: der Klimawandel. Mit den Greta-Fans hat Nuhr sich angelegt und einen Shitstorm sondergleichen eingefangen. Auch in der Arena setzt er zu einer Verteidigungsrede an und hat die vernünftigsten (wenn auch nicht die erfreulichsten) Argumente auf seiner Seite: Erstens sei Deutschland nur mit zwei Prozent am weltweiten CO2-Ausstoß beteiligt, zweitens werde kaum einer aufs Auto verzichten („verlangen Sie das mal von einem Menschen, der mitten in der Eifel wohnt und einen halben Tag bis zur nächsten S-Bahn-Station laufen muss“), und drittens sei es dem Rest der Welt piepegal, ob die Deutschen sich klimamäßig als Vorreiter inszenierten. Wobei das mit dem Vorreiten ja schon mal ziemlich in die Hose gegangen sei: Vor Moskau habe seinerzeit auch das Klima zugeschlagen. Und da wir schon bei der Politik sind: Dass die völkisch verquasten AfD-Hetzer (hey, keine Panik, ihr Rechtsaußen: auch die Grünen und die Linken werden ordentlich abgewatscht!) nun mal so sind, wie sie sind, könne man ihnen nicht zum Vorwurf machen, denn „um die eigene Dummheit zu erkennen, müsse man nun mal über ein gewisses Maß an Intelligenz verfügen“.

Sich die Welt kabarettistisch zurechtzuschnitzen und auf Pointen hin zu drechseln, ist die vornehmste Aufgabe des Satirikers; der darf auch schon mal mehr oder weniger knapp an der Wirklichkeit vorbei auf Lacher zielen. Fraglos hat Nuhr sich in dem Gewerbe einen Meisterbrief erarbeitet. Und das Geheimnis seines Erfolgs besteht darin, auf unlösbare Fragen Antworten zu finden, die auf verblüffende Weise so naheliegend sind, dass sie garantiert nicht funktionieren.

„Der Mann spricht einem aus der Seele“, meinte ein Zuschauer am Ende des Abends, dessen Fazit sich mit weniger Worten, als Nuhr sie benötigt, zusammenfassen lässt: Wir können die Welt, so wie sie ist, nicht ändern. Das kann man traurig finden oder blöd oder daran verzweifeln. Oder man kann darüber lachen. Das ist zwar auch keine Lösung – aber immer noch die amüsanteste.