Käpt’n Blaubär trifft Richard Wagner

Käpt’n Blaubär trifft Richard Wagner

TRIER. Das "Opern-ABC" ist doch nicht tot: Dankenswerterweise setzt die neue Leitung des Trierer Theaters die Opern-Reihe für Kinder fort. Ob Wagners "Fliegender Holländer" dabei die optimale Wahl ist, bleibt nach der Premiere fraglich.

Der Steuermann, der einst auf Händler Dalands Segelschiff Dienst tat, ist alt geworden. Wie Käpt'n Blaubär sitzt er im Lehnstuhl und spinnt Seemannsgarn. Gebannt lauschen die Kinder seiner Schilderung, wie vor vielen, vielen Jahren nach einem Sturm in einer felsigen Bucht plötzlich das gruselige Geisterschiff des "Holländers" neben ihm auftauchte, samt seinem ewig auf die Weltmeere verbannten Kapitän. Dieter Oberholz ist ein wunderbarer Erzähler. Mit Peter Larsen, der als Richard Wagner auftritt, teilt er sich eine Art Moderatorenrolle. Oberholz führt durch die Geschichte, Larsen erklärt die Begleit-Musik und animiert das kindliche Publikum auch schon mal zum Mitmachen. Andrei Diakov hat Wagners opulente Klangwogen versiert für ein sechsköpfiges Kammerensemble arrangiert, Annette Johansson (Senta), Nico Wouterse (Holländer) und Eric Rieger (Erik) bringen sängerischen Glanz in die von Katharina Hickmann ausgestattete Hütte auf der Vorbühne des großen Hauses. Regisseurin Annegret Frübing kombiniert mit minimalem Aufwand geschickt Erzählteile und Arien. Die Frage ist nur: für wen? In die Premiere haben sich gerade mal 90 Besucher verirrt, darunter 60 Kinder, meist im frühen Grundschulalter. Sie bestaunen das auf- und abgleitende Segel, gruseln sich bei der Beschreibung des Geisterschiffs, freuen sich, wenn der Holländer im Kostüm eines Zorros der Meere auftritt - aber nichts deutet darauf hin, dass sie irgendwas mit der von schwerem Symbolimus gebeutelten, todessehnsüchtigen, erlösungsmystik-geprägten Wagner-Oper anfangen können. Mit 12-, 13-Jährigen wäre vielleicht über den Holländer zu reden, obwohl auch sie ihre Probleme mit den langen, schicksalsschweren Arien hätten. Aber diese Altersgruppe ist nicht da - wie auch, wenn die Vorstellungen (weitere am 24. Mai und 1. Juni, jeweils 11 Uhr) mitten in der Schulzeit liegen, was Opern-interessierten Eltern einen gemeinsamen Besuch mit ihren Sprösslingen schlicht unmöglich macht. Spielen vor leerem Haus

Die Schulen hat man bereits für die erfolgreichen "Zauberlehrling"-Konzerte abgegrast, selbst wohlmeinende Lehrer haben kein beliebiges Reservoir an Zeit und Kapazität. Und wenn, dann wären sie vielleicht eher bereit, es für ein ABC zum Opern-Krimi "Carmen" oder Donizettis lustigem "Liebestrank" zu opfern. Schade. Vielleicht läuft's besser, wenn man die Produktion zeitnah zum "großen" Holländer in der kommenden Spielzeit noch mal aufnimmt. Vielleicht wäre aber auch mehr Zielgruppenschärfe und eine glücklichere Stückauswahl hilfreich, wenn das Theater nicht vor leerem Haus spielen will.