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Kaffeekränzchen als Seelenstriptease

Kaffeekränzchen als Seelenstriptease

Anne Sokolowski inszeniert Werner Schwabs Komödie "Die Präsidentinnen".

Trier Er ist schon mehr als zwanzig Jahre tot und etwa so alt geworden wie Wolfgang Amadeus Mozart, lebte aber ganze zwei Jahrhunderte später (1958 bis 1994), aber im Gegensatz zu dem Komponisten ist der Dramatiker weitgehend vergessen. Warum also heute noch ein Stück von Werner Schwab, sein allererstes zumal, auf die Bühne bringen? "Weil es ein wahnsinnig tolles Stück ist für drei tolle Schauspielerinnen", schwärmt Anne Sokolowski, für die die Inszenierung auch eine Art Heimkehr ist, denn mit den "Präsidentinnen" gibt die gebürtige Triererin ihr Regiedebüt in ihrer Heimatstadt.
Auf den ersten Blick ist es eine Komödie, wenn auch eine bitterböse und drastische, am Rand des Absurden entlangbalancierend. Schaut man jedoch genauer hin, blitzt auch eine ordentliche Portion Tragik zwischen den Zeilen auf: Drei Frauen, auf ihrem Lebensweg eher schon das Ende im Fokus, geben dennoch nicht die Hoffnung auf, dass sich ihre Träume von einem kleinen Glück vielleicht noch irgendwann erfüllen könnten. Obwohl das Ambiente keinen Zweifel daran lässt, dass daraus nix wird.
Wie das so ist mit Menschen, die so lange miteinander befreundet beziehungsweise befeindet sind und alles von den anderen wissen: Da muss man einander gar nicht mehr zuhören, um alles mitzubekommen: "Es ist ein ,Nicht-mit' und ein ,Nicht-ohne-einander-Können", wie die Regisseurin die Seelenlage ihrer Protagonistinnen beschreibt. "Man braucht sich, aber man legt auch gern den Finger in die Wunde, wo es die andere am meisten schmerzt." Für Sokolowski sind die drei "Präsidentinnen" - schon der Titel ist purer Zynismus, handelt es sich bei den drei Figuren doch eher um sozial Abgehängte im untersten Bereich der Gesellschaft - Frauen, "die sich sehr gut kennen und vielleicht jeden Mittwoch zusammenkommen, sich streiten und versöhnen, eine Art Kaffeekränzchen als Seelenstriptease".
Werner Schwabs Dramen zeichnen sich durch eine Kunstsprache aus, als deren Erfinder der Autor gelten darf; so hat vor ihm und nach ihm keiner mehr seine Geschöpfe reden lassen. "Es ist eine Sprache, bei der man immer wieder neue Facetten im Text erkennt", erklärt Anne Sokolowski. "Da gibt es Doppeldeutigkeiten, Widersprüchliches, das sich drei Zeilen weiter auflöst ... Man muss schon sehr genau hinhören", empfiehlt die Regisseurin. In der Tat finden sich Sätze im Text, die skurril aufgeblasen wirken ("In Wirklichkeit ist es schon schwer, einen Lebensgenuss aufzunehmen"), altertümlich gestelzt erscheinen ("Du hast ein leichtes Reden, meine liebe Mariedl, du warst immer alleine und ohne eine richtige Bindung") oder geradezu biblisch klingen ("Da sind aber schon sehr viele Heilige entstanden unter den Menschen, die ihr Antlitz in ihrer jugendlichen Zeit verbergen vor der Welt.")
Doch bei aller sprachlichen Kreativität und Künstlichkeit sind die Sätze immer auch drastisch und direkt und bieten damit viel provozierenden Sprengstoff. Ist die Provokation ein Anliegen der Regisseurin? "Na ja, vorgenommen habe ich mir das jetzt nicht", lacht sie. "Aber die Frage, was provozierend ist, wird jeder Zuschauer natürlich anders beantworten. Ich hoffe eher, dass der Abend wahnsinnig Spaß machen wird, denn es handelt sich schließlich um eine Komödie - wenn auch um eine, die hoffentlich nachdenklich stimmt. Denn wenn das Publikum nach der Vorstellung noch eine Weile über den Abend diskutiert, haben wir, glaube ich, unser Ziel erreicht."
Premiere ist am Samstag, 8. April, 19.30 Uhr, im Studio. Kartentelefon: 0651/718-1818