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Kaltes Schaudern, heißes Vergnügen

Kaltes Schaudern, heißes Vergnügen

Das Théâtre du Grand Guignol schockierte Anfang des 20. Jahrhunderts das Publikum mit blutigen Effekten und schaurigen Geschichten. Das Trierer Ensemble der Sparte 0.1 aus Laien und Profis knüpft nun an diese Tradition an.

Eine Leiche im Trierer Theater: Die Polizei verriegelt die Türen, der Mörder muss sich noch im Gebäude befinden - genauer: Er muss einer der Darsteller des "Abends am Grand Guignol" sein. Gerade noch verkündete Marc-Bernhard Gleißner, in grünes Licht getaucht, mit diabolischem Grinsen: "Die Geheimnisse um die Kapelle in der Rue de Chaptal 20 werden präsentiert wie auf einem Obduktionstisch." Nun blinzelt er verunsichert von Polizist zu Polizist.

"Ein weiterer Abend am Grand Guignol" knüpft an die Tradition des Pariser Horror-Theaters an, das sich Anfang des 20. Jahrhunderts damit rühmte, dass in jeder Aufführung mindestens ein Zuschauer in Ohnmacht falle. Auch verschiedene Gruppen der freien Trierer Theaterszene zerren nun in fünf kurzen Stücken blutige Innereien und seelische Abgründe auf der Bühne ans Tageslicht.

Eine Adaption des Kunstmärchens "Der blonde Eckbert" dient als Rahmenhandlung: Eckbert (Gleißner) und seine Frau Bertha (Sayuri Taichi) sind die neuen Besitzer des Grand-Guignol-Theaters und führen durch die neu erfundene, düstere Geschichte des Hauses. Doch die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen. Das Publikum wird angesprochen, Polizisten unterbrechen die Handlung, ein Schauspieler, dessen Rolle gerade freigesprochen wurde, ist plötzlich selbst wieder Mordverdächtiger. Die Zuschauer können sich nicht vor dem Bühnen-Grauen in Sicherheit wiegen.

"The Torture Garden" basiert auf einem originalen Grand-Guignol-Stück. Blut spritzt, Peitschen knallen, Köpfe rollen. Die kleine Gewaltorgie leitet den Grusel-Abend gebührend ein, doch die Geschichte wirkt gehetzt, denn Opiumkriege, Geheimorganisationen und Weltverschwörungen sind schlicht zu viel Stoff für einen 20-Minuten-Schocker. Weniger wäre hier mehr gewesen und hätte den morbiden Bildern mehr Zeit gelassen.

Auch groteske Kriminalkomödien gehörten zum typischen Repertoire des Grand Guignol. In Trier lockert "Der Frauenmörder" das düstere Geschehen vergnüglich auf. Wenn Zeuginnen, Anwälte und Polizisten wild durcheinander schnattern, läuft das Ensemble zu schwarz-komödiantischer Höchstform auf.

Der beklemmende Höhepunkt ist "In the Darkroom": Ein Mann ist davon überzeugt, dass seine Gattin lebendig begraben wurde und verliert darüber den Verstand. Regisseur Ramón Wirtz wagt ein Experiment: Die Geschichte wird ohne verbale Sprache erzählt. Wo die Worte angesichts des Schreckens fehlen, müssen Wispern, Schreien, und Grunzen, große Gestik, expressive Mimik und düstere Symbolik kommunizieren. Ohne Hinweise im Programmheft wäre es schwierig, der Handlung zu folgen. Doch die packenden, verstörenden Bilder auf der Bühne erzielen ihre Wirkung mit oder ohne Erklärung.

Immer wieder greifen die Polizisten aus der Rahmenhandlung ins Geschehen ein und machen auch ernstere Momente lächerlich. Das ist das "Kalte-Dusche-Heiße-Dusche-Prinzip" des Grand Guignol: Die Zuschauer werden von einer Stimmung in die nächste gerissen, Erwartungen auf den Kopf gestellt. Das Programm schwankt zwischen Trash-Horror und anspruchsvollem Psycho-Thriller. Mitten in diesem Chaos merkt die traumatisierte Bertha programmatisch an: "Ist nicht gerade das Gruseln und das Schaudern das, was eigentlich zum Lachen wäre?"
Weitere Termine: 12., 13., 19. und 26. November jeweils um 19.30 Uhr auf der Studiobühne.