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Kamikaze durchs Hier und Jetzt

Kamikaze durchs Hier und Jetzt

In zweieinhalb Stunden durch Raum, Zeit und (fast) alle Genres: Die neue Improvisationstheaterreihe "Maestro - Trier sucht den Impro-Master" im Kasino am Kornmarkt macht nicht nur dem Publikum rasend Spaß.

Trier. Man kann leicht den Überblick verlieren bei Giuseppe Verdi, dem alten Akkordarbeiter. Seine moselländische Mini-Oper muss irgendwo verschütt gegangen sein, aus dem Gedächtnis geflutet. Bis gerade war Verdis "Trompeter von der Mosel" noch ein nasser Traum. Aber keine zwei Augenblicke später wird die Fünf-Minuten-Oper im voll besetzten Kasino am Kornmarkt uraufgeführt.
Alles frei erfunden


Das hat das Publikum so bestimmt und frei erfunden. Handlung und Melodie entstehen während der Aufführung. Kein Problem für die drei Improspieler Mac Grüffelo (Alexander Ourth), Tower of Power (Florian Burg) und Killerlöckchen (Lisa Höpel), die diese Aufgabe erwischt haben. Herauskommt irgendwas zwischen Loreley-Fantasie, griechischer Unterwelt und "Ferry cross the Mersey".
Klingt nach Fiebertraum? So soll es auch sein: Gegenwarts-Kamikaze. Unberechenbar, rasend komisch und liebevoll gaga. Von den Zuschauern gibt es dafür die Höchstwertung, fünf Punkte.
Das ist nur eine der Aufgaben, die die insgesamt elf Improvisateure in Angriff nehmen. Nicht alle Szenen knallen so durch die Sekunden wie die absurde Verdi-Version. Das macht aber gar nix. Langweilig wird\'s in den zweieinhalb Stunden nie. Wo bekommt man schon Ballett ("Der graue Star"), Oper, Metal, Monologe und sekündlich wechselnde Gefühlsausbrüche im selben Programm geboten?
Gespielt wird in Teams von zwei bis vier Spielern, jeder Teilnehmer kommt in der Vorrunde zweimal dran - dann schaffen es die sechs Punktbesten in die nächste Runde. Im Finale dürfen zwei Theaterschauspieler mit Drei-Minuten-Monologen ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Bei der inzwischen dritten Vorstellung der Maestro-Reihe liegt Macht Nix (Klaus-Michael Nix) am Ende hauchdünn vor Mac Grüffelo (Ourth). Nix reüssiert mit einer emotionalen Abhandlung darüber, warum ihm der aktuelle Lego-Katalog (ein Handtaschenfund einer Zuschauerin) mehr bedeutet als alles andere auf der Welt. Dafür gab es den goldenen Lorbeerkranz und die Huldigung von Mitspielern und Publikum.
Improtheater boomt. Und das nicht allein, weil es ein effektives Training für Schauspieler ist: Wer sich auf Zuruf Sätze und Handlung für eine Szene ausdenken muss oder spontan Liedtext und Melodie für einen Popsong über Trier, der ist in ziemlich jeder Hinsicht gefordert. Wenn das Kopfkino den Improspieler Tower of Power spontan mit Bier in den Palastgarten oder nachts in die Kaiserthermen schickt, mag auch die Erinnerung an alte Zeiten beigesprungen sein.
Spannend ist das allemal, wenn die Moderatoren Günter van Eyzek (Premierensieger Stephan Vanecek) und Dolores von der Rolle (Hannah Swoboda) mit Hilfe des Publikums die Teilnehmer durch Raum und Zeit schicken. Etwa auf den Mond. Oder auf die Fensterbank; mit Nix als sehr überzeugendem Lebensmüden. Oder zum Klauen in den Fahrradkeller.
Requisiten braucht\'s nicht, auch keine Kostüme. Angela Händel liefert am Keyboard den passenden Soundtrack, für den Film im Kopf sorgen die Spieler. Beim Maestro arbeiten das Theater Trier und das Improvisationstheater sponTat zusammen. Die Aufführungen gehen seit November einmal im Monat über die Bühne - bisher jeweils vor vollem Haus. Anschließend weiß man auch, warum.
Das Konzept zu "Maestro Impro" stammt von Keith Johnstone, dem Erfinder der Marke Theatersport. Die hat sich längst in Trier etabliert. Theatersport feiert am 25. April zehnjähriges Bestehen im Theater Trier.
Nächste Termine von Maestro: 26. Februar, 25. März, 28. Mai, 24. Juni, 15. Juli (20 Uhr)