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Konzert
Kanada grotesk: Geoff Berner spielt im Brunnenhof

Trier. Im September erschien die neue CD, im November begann die Tournee. Geoff Berner spielt zum Auftakt seiner diesjährigen Konzertreise durch Europa in Trier. Christoph Ewen

„Canadiana grotesquica“ heißt sein neues Album. Wer die Platte gehört hat, erwartet ein ganzes Arsenal an Begleitinstrumenten. Lässt diese doch keinen Zweifel daran, dass sich der Klezmer-Musiker aus Vancouver diesmal Pop und Country annähert. Doch weit gefehlt. Alleine, lediglich mit Akkordeon, betritt Geoff Berner am Sonntag die Bühne im Brunnenhof. Der Spannung tut dies keinen Abbruch. Das kleine Publikum freut sich trotzdem.

In krassem Gegensatz zu der neuen CD, die vor Synthesizer-Klängen nur so strotzt, bleibt Berner hier seinen Wurzeln treu. Das Akkordeon etwa hat sich in der Klezmer-Tradition seit den 1920er Jahren in Amerika etabliert, heißt es auf Klezmer.de. Ganz im Sinne der Tradition besingt Berner die litauische Hauptstadt Vilnius – auf Jiddisch. Auch, wer die Sprache nicht versteht, hört gerne zu.

In einer weiteren Hinsicht bleibt Berner eindeutig Berner: Seine Texte sind ironisch-sarkastisch und bissig wie immer. In „Hustle Advisory“ etwa bekommen die Institutionen im Ganzen ihr Fett weg, in „Prairie Wind“ speziell den kanadischen Premierminister Justin Trudeau – Berner beschreibt ihn, den Sohn des ehemaligen Premiers Pierre Trudeau, als jemanden, der das Richtige gesagt, dann aber alles beim Alten gelassen habe.

Berner ist inzwischen auch als Autor erfolgreich. Der neue Roman „The Fiddler Is A Good Woman“ erschien 2017, dem Jahr des 150. Canada Day. Im Konzert lässt er wissen, dass er es sehr schätze, wenn andere seine Lieder spielten oder anderweitig literarisch verarbeiteten, wie jüngst in einem Theaterstück geschehen. „Auf die Art“, so Berner, „kann ich mich zuhause zurücklehnen und ein Bier trinken, während das Lied die Arbeit macht.“ Zurücklehnen ist allerdings hier eher ein Fremdwort, regen die Texte doch immer wieder zum Nachdenken und Nachfragen an.

Nach einer Pause geht es unverändert bissig weiter. „Daloi Policej“ heißt es im Refrain eines der folgenden Lieder, bei welchem es sich, so Berner um Altbekanntes handle, welches ins Englische übertragen worden sei. Das Publikum stimmt, zunächst schüchtern, später mutiger, in den Ruf ein, welcher den Titel sowie den Refrain des Liedes darstellt – und übersetzt, so Berner, „Fuck The Police“ laute.

Das Publikum applaudiert begeistert und lässt Berner nicht ohne Zugabe von der Bühne gehen. „Wealthy Poet“ ist der Titel des Liedes – ein überaus ironischer Titel, so die Aussage des Künstlers. Berner weist darauf hin, dass seine CD und das neue Buch nach dem Konzert erhältlich seien. Man mache ihm, der just an diesem Tag seinen 46. Geburtstag begehe, mit dem Kauf ein Geschenk: „Bitte, kauft die Sachen. Dann muss ich zum nächsten Auftritt nicht so viel mitschleppen.“

Info-Kasten: Klezmer

Der Klezmer (von hebr. „klei“ - „Gefäß“ oder „Instrument“ und „zemer“ - „Melodie“) ist eine Richtung der jüdischen Volksmusik, die besonders zu Hochzeiten und anderen Festen gespielt wird. Ursprünglich stammt sie aus Osteuropa, wo viele Musiker Kontakt zu Roma hatten und sich und ihre jeweiligen Musikstile gegenseitig beeinflussten. Viele Juden flohen nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten nach Amerika und brachten ihre Kultur, wie auch ihre Musik mit. Dort fristete die Klezmermusik jedoch ein Nischendasein, bis sie im Zuge des Folk Revivals in den 1970er Jahren wieder populärer wurde. Seit den 1980er Jahren wurde auch in Europa, besonders in Deutschland, der Klezmer wiederentdeckt. Er ist heute überall zu hören, wo es jüdische Gemeinden gibt.