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Karl-Marx-Haus in Trier Katalog Neuerscheinungen Dauerausstellung

Karl Marx : Karl Marx und seine Wirkung

Zwei Neuerscheinungen beleuchten die Dauerausstellung im Geburtshaus in Trier.

Wer Karl Marx war und wie seine Ideen bis heute die Welt umspannen, darüber ist im Jubiläumsjahr 2018  schon viel debattiert und geschrieben worden. Das Karl-Marx-Haus in Trier, in dem der Philosoph 1818 zur Welt kam, hat zum runden Geburtstag seine Dauerausstellung neu konzipiert – es ist die vierte, seit das Haus 1968 zum Museum in Trägerschaft der Friedrich-Ebert-Stiftung wurde. Nun hat es dazu einen Katalog herausgebracht. Er soll wie die Präsentation im Haus selbst dazu beitragen, sich Karl Marx nach einer langen Phase der ideologischen Vereinnahmungen unvoreingenommen zu nähern. Wer war er? Was hat er geschrieben? Und welche Wirkung ist von ihm ausgegangen?

Das Begleitbuch, hochwertig gestaltet, widmet sich in Aufsätzen diverser Experten verschiedenen Aspekten der Biografie (Staatenlosigkeit, Familie, Frau Jenny und Freundschaft mit Friedrich Engels), einzelnen Werken und, ganz überwiegend, der Wirkungsgeschichte rund um die Welt. Es gebe den Wunsch, „die Geschichte bis ins 21. Jahrhundert weiterzuerzählen“, schreiben die Herausgeberinnen Anja Kruke und Ann-Katrin Thomm. So sind der DDR, China, der Sowjetunion oder der Finanzkrise mit Marx-Renaissance eigene Kapitel gewidmet. Und Elisabeth Neu, Leiterin des Museums, ergänzt diese um die wechselvolle Geschichte des Hauses selbst, das heute ein barockes Schmuckstück mit Garten ist.

Mehr als 62 000 Besucher zählte das Karl-Marx-Haus im Jubiläumsjahr, und Kurt Beck, bis Ende 2020  Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung, nennt in seinem Vorwort die „sehr guten Besucherzahlen auch nach dem Jubiläum“ als wichtigen Antrieb, das Begleitbuch herauszubringen. Es biete „eine Möglichkeit, sich mit Marx auf der Grundlage der Ausstellung auch ohne Museumsbesuch zu beschäftigen“, so Beck, dem die Pandemie nachträglich ein weiteres Argument lieferte. Denn das Haus war bis vor kurzem mehr als vier Monate lang geschlossen.

Allerdings ersetzt der Katalog den Ausstellungsbesuch nicht. Diverse Bilder, vor allem am Anfang des Buches, bleiben ohne Erklärtext und wirken so eher wie Deko denn tatsächlich als Vermittler von Inhalten. Der berühmte Sessel, in dem der Philosoph nachdachte und auch gestorben sein soll, lässt den unwissenden Leser zunächst ratlos zurück. Der Stammbaum ist gar abgeschnitten. Doch wer dranbleibt an der Lektüre, findet die gesuchten Antworten noch und erfährt in dem sehr ansprechend layouteten Band mit zahlreichen Fotos und Grafiken viel Interessantes in verständlichen Texten. Dazu gibt es ein Orts- und ein Personenverzeichnis.

Nicht immer war es das Ziel im Karl-Marx-Haus, den unbefangenen Besucher sachlich zu informieren. In der Präsentation 1968 wollte man das Bild eines unpolitischen Sozialdemokraten zeichnen und Marx in die Kontinuität der sozialdemokratischen Persönlichkeiten einbetten. Es war das einzige Narrativ der damaligen Schau, wie Christoph Herkströter herausgearbeitet hat. Herkströter hat eine Masterarbeit an der Universität Bielefeld über die Ausstellungen von 1968, 1983, 2005 und 2018 geschrieben, hat diese systematisch miteinander verglichen und in ihre geschichtspolitischen Kontexte gestellt. Dabei hat er all die Marx-Bilder herausgearbeitet, die den Besuchern jeweils vermittelt werden sollten. Auch hat er grundsätzlich die Rolle von Museen zur Vermittlung von Geschichte reflektiert. Eines seiner Ergebnisse: Zunehmend gerät die Biografie von Karl Marx in den Hintergrund zugunsten der Wirkungsgeschichte. 1983 war es noch wichtig, Marx als Sohn der Stadt Trier zu präsentieren, dazu als Universalgelehrten, politischen Aktivisten und als „von Leid geprägte Person“. 2005 standen der Universalgelehrte, der Querdenker, der staaten- und geldlose Marx und der Wandel des politisch denkenden zum handelnden Akteur im Mittelpunkt.  2018 schließlich der Universalgelehrte, der Staatenlose, der Ideengeber und der ewig aktuelle Marx.  

Von Trier in die Welt. Karl Marx, seine Ideen und ihre Wirkung bis heute, Herausgegeben von Anja Kruke und Ann-Katrin Thomm für die Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 2020, 204 Seiten, 25 Euro, erhältlich im Museumsshop oder per E-Mail: karl-marx-haus@fes.de

 Karl Marx Haus Trier
Karl Marx Haus Trier Foto: Anne Heucher

Christoph Herkströter, Karl Marx im Museum der Gegenwart. Das Karl-Marx-Haus in Trier und seine Dauerausstellungen im historischen Wandel 1968-2018, Bonn, Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung 2020, 114 Seiten.