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Karrierestart von ganz (t)unten

Karrierestart von ganz (t)unten

TRIER. Dreißig Jahre in Fummeln unterwegs und erfolgreich – keine schlechte Bilanz für Travestie-Künstler Mary, der das Publikum in Trier drei Stunden lang unterhielt.

"Mary und sonst gar nichts" nennt er bescheiden-anmaßend sein neues Programm. Das gesunde Selbstbewusstsein ist durchaus gerechtfertigt. Immerhin kann Georg Preuße ("Deutschlands bekanntester Travestiekünstler", wie es in einer Werbung heißt, und auch das dürfte nicht übertrieben sein - gibt‘s sonst noch einen?) mittlerweile auf eine über dreißigjährige Karriere zurückblicken. Seine Jubiläumsshow feiert er in 31 Städten; ziemlich genau in der Mitte, auf Platz 16, lag Trier.Mary und Georg mit sich selbst im Duett

"Mary und sonst gar nichts" - das ist natürlich eine Lüge. Da sind als Requisiten noch der unvermeidliche Barhocker, eine Chaiselongue für laszive Posen, jede Menge farbenprächtig-kitschiger Fummel, ein Spiegel und ein Flügel. Vor dem sitzt Harry Ermer, der sich, fast den ganzen Abend im Dunkeln spielend, als überaus verlässlicher Begleiter erweist, sekundenpräzise auch in jener vertrackten Nummer, in der Mary dank holographischer Tricks mit ihrem alter ego Georg Preuße in besagtem Spiegel ein fulminantes Duett auf die Bretter der Europahalle legt. Drei Stunden lang macht Mary aus ihrem Leben eine Show, die in Schwulenkneipen begann ("Karriere von ganz tunten", kalauert sie) und über "Campingplatzbühnen vor 10 000 Holländern" bis hinauf in die olympischen Stätten der Unterhaltungskultur führte: in die größten Fernsehshows, auf die renommiertesten Bühnen. Zugegeben: Nicht alles, was sie aus ihren mittlerweile 54 Lebensjahren zum Besten gibt, hat das Gütesiegel des Brandneuen. Ihre bevorzugten Themen sind nach wie vor Liebe, Lust und Leidenschaft, die Klugheit der Frauen und die Dummheit der Männer. Obwohl sie auch da durchaus Fairness walten lässt und das eigene Geschlecht (welches bloß?) im Licht der Wahrheit betrachtet: "Wissen Sie, warum Verona Pooth, Jenny Elvers und Naddel nie gemeinsam auftreten? Weil die sich eine Gehirnzelle teilen müssen." Das Publikum liebt sie für diese Boshaftigkeiten. Und es kommt natürlich auch in der Europahalle nicht um seine Mitwirkung herum: Da wechselt dank Marys beharrlichem Nachhaken ein Kondom den Besitzer ("Aber nachher auch noch benutzen, versprochen?"), eine Zuschauerin muss ihre Brille hergeben, eine andere bekommt eine Sicherheitsnadel für die zu weit geöffnete Bluse ("das ist sexuelle Belästigung an meinem Arbeitsplatz"). Nur eine Spontan-Umfrage nach dem Gebrauch von Viagra verläuft im Sande. Zwischendurch auch ein paar ernste Töne

Braucht in Trier wahrscheinlich keiner. Manches zielt unter die Gürtellinie, viele Witze sind auf gleicher Höhe angesiedelt - Sex sells eben und sorgt halt immer noch und immer wieder für hämisches Gelächter. Doch zwischendurch auch ein paar ernste Töne: Vom Abschiednehmen und Sterben auf der Aidsstation handelt ein Song, von der Gewalt an Kindern ein anderer - dafür leiht Mary sich Bettina Wegners anrührendes "Sind so kleine Hände" aus und trägt es mit brüchiger, fast tränenerstickter Stimme aus. Gänsehaut im Auditorium. Und zum Schluss die wundersame Metamorphose von Mary zu Georg: Dafür nimmt sie sich Frank Sinatras "My Way" zur Silikonbrust: Mit jeder Strophe schwindet ein bisschen von Mary - Ohrringe, Perücke, Schminke, Kleid -, bis ein Mann in schwarzer Hose und T-Shirt auf der Bühne steht und sichtlich gerührt den ziemlich langen Jubel der Zuschauer genießt. Dafür bedankt er sich noch eine runde Viertelstunde mit Zugaben. Die Zuneigung zwischen Mary/Georg und den Menschen da unten beruht ganz offensichtlich auf Gegenseitigkeit.