1. Region
  2. Kultur

"Katzeklo" fürs Finanzamt

"Katzeklo" fürs Finanzamt

Helge Schneider ist nicht nur ein Großmeister des Nonsens, sondern auch ein feiner Jazzmusiker. "Wullewupp Kartoffelsupp" heißt sein Programm, das er vor 3500 Menschen in der Arena Trier präsentierte.

Trier. Es fällt nicht schwer, Helge Schneider nicht zu mögen. Aber es ist leicht, zu verstehen, was er da auf der Bühne so treibt. Humor ist, wenn man lacht, Komik ein Kunsthandwerk. In Trier lacht man - zumindest wenn Helge die Sau raus lässt.

Schneider hampelt, hopst, tanzt herum, lässt Sergej Gleithmann mit wüsten Gymnastikübungen das Publikum zum jauchzenden Enthusiasmus-Orgasmus treiben. Minimal-Akrobatik reicht eben. In diesen Momenten ist es sehr einfach, Helge Schneider und seinen infantilen Quatsch zu verdammen. 3500 herbeigereiste Fans aus dem Trierer Umland halten sich die Bäuche. Tränen kullern, Lacher glucksen aus Tausend Kehlen. Aber warum?

Helge Schneider reizt die Grenzen des Nonsens aus. Vor staunenden Mäulern benimmt er sich wie ein kleines Kind im Zuckerrausch. Und das treibt er so lange auf die Spitze, bis es weh tut. Weiter geht's nach dem rituellen Schluck "Lecker-Tee".

Der Mann ist ein Könner, musikalisches Multitalent, manchmal Genie, aber das vertuscht er gern. Keine Besucherin käme auf die Idee, Plakate hochzuhalten und von Helge ein Kind zu fordern. Aber das wollen die Frauen von Horst Schlämmer auch nicht.

Nur hat der ein Programm und kandidiert für den Bundestag. Das tut Helge Schneider nicht, auch wenn er könnte. Denn die Menschen lieben simple Lösungen und geradlinige Weisheiten. Und die hat er en masse. Familienpolitik? "Hast du eine Mutter, dann hast du immer Butter. Mutter ist die beste Frau", singt Helge mit Charme und Überzeugung. Arbeitsmarkt? "Ich bin der Telefonmann, ich gehe ans Telefon ran. Ich bin immer parat, ich mache niemals schlapp", wippt das Credo der "singenden Herrentorte". Krisenstimmung im Land? Alles halb so wild. Man singe "Fitze, fitze, fatze", der Rest renkt sich schon ein.

"Fitze, fitze, fatze" statt großer Geste



Die große Geste ist ihm ein Graus. Den hohlen Pathos eines Schlagers verkürzt Schneider rabiat auf ewig wiederkehrende Worthülsen "Me - I - we - together - sky - blue". Das soll komisch sein? Seine Übertreibungen steigert er bis zum Erbrechen, bis es nur noch Kalauer regnet. Statt "love forever" tauscht Schneider das Geschwätz gegen noch dämlicheres Wortmaterial aus. "Katzenklo, ja das macht die Katze froh", viele Schlager sind noch um Längen debiler.

Ob da einer mit bebendem Tremolo von der 1000. großen Liebe dahinschmilzt oder über den Wert eines Käsebrots singt, ist einerlei. Das Käsebrot aber ist die bessere Pointe.

Schneider tanzt auf den Dingen herum, aber er vernichtet sie nicht. Er liebt den Schlager und die Musik, aber er hasst ihre falsche Attitüde und ihren vorgeschützten Herzschmerz.

"Katzeklo!" muss sein. Auch an diesem Abend. Denn Helge hat die Millionen, die er mit dem Liedchen verdient hat, in der Straßenbahn verloren. "Wie soll ich das dem Finanzamt klar machen." Schneider weiß: Die Menschen kommen wegen des Klamauks, mit und ohne Tiefgang, den er immer wieder mit Musikstücken aufbricht, um schnell wieder im Abgrund der Blödelei abzutauchen.

Zwischen all dem haarsträubenden Unsinn, den Helge da treibt, geht's wieder zurück auf den Teppich. "Wir sind doch alle normale Menschen", beschwichtigt der Mülheimer. Allüren und Gehabe des Künstlers stellt er zur Schau, bemächtigt sich ihrer und verzerrt sie zur Groteske. Eine Flamenco-Nummer beginnt mit Slapstick-Proben und Anlaufproblemen: Möglich, dass Schneider das Musikstück sofort mit Geblödel erwürgt. Doch dann wird es musikalisch - mit Niveau.

Wenn Helge nach langem Solo am Saxofon wieder in die Welt des Bühnenabends eintaucht, dann ahnt man, was das schmächtige Männchen im Grunde seines Herzens machen möchte: Jazz - und nur den. Aber dafür würden die Leute ihre Penunsen nicht rausrücken. Das weiß Helge aus eigener Erfahrung. Bitter!