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Kein Fall für Commissario Brunetti

Kein Fall für Commissario Brunetti

Von überragend bis beliebig - Jordi Savall fasst "1000 Jahre Venedig" zu muskalischem Gesamtpaket zusammen.

Luxemburg. Keine Frage: Dieser Mann ist Kult! Als Jordi Savall auf der Bühne erschien, erreichte der ohnehin starke Begrüßungs-Beifall hymnische Ausmaße. Und trotz Rosenmontag: Im Großen Saal der Philharmonie Luxemburg blieben die freien Plätze Einzelfälle.
Dabei präsentiert der hoch gewachsene, ergraute Spanier mit dem strengen, verschlossenen Gesichtsausdruck wahrhaftig keine Klänge fürs Straßencafé und auch keine Harmonien zum Wohlfühlen. "Venise millenaire", die Erinnerung an gut 1000 Jahre Republik Venedig war die thematische Klammer für ein klingendes Panorama von seltener Vielfalt, aber auch seltener Eindringlichkeit. Savall und seine Ensembles - Capella Real, Hespérion XXI, Concert des Nations, eine Formation für griechisch-orthodoxe Vokalmusik und dazu einige hervorragende Gastmusiker - brachten eine Musik zum Klingen, die im akustischen Rausch der Moderne unterzugehen droht.
Welcher Reichtum verbirgt sich in der meist anonymen Einstimmigkeit um 1000, die sich vornehmlich durch Melodie, Rhythmus und Klangfarbe definiert! Und wie viele Feinheiten stecken in diesen weit ausholenden Melismen! Trotz aller Virtuosität der Ausführenden: bringt die mehrstimmige Schlachtmusik von Clement Janequin aus dem 16. Jahrhundert nicht doch etwas Schematisches mit, das der älteren Einstimmigkeit völlig abgeht?
Einzig der große Guillaume Dufay verbindet in seiner Trauermusik "O très piteulx" auf den Fall von Konstantinopel (1453) faszinierend einstimmige Freiheit und mehrstimmige Strenge.
Silke Leopold brachte es in der exzellenten Einführung auf den Punkt: In der Musik dieser Zeit manifestiert sich das echte, das reale Venedig.
Das hat nichts, gar nichts zu tun mit den Klischeebildern von singenden Gondolieri und dem gut erfundenen Kommissar Brunetti.
Die erste Hälfte des Konzerts konzentrierte sich auf die Zeit von 770 bis 1515, und die zweite auf die Periode von 1526 bis 1797. Freilich war das Programm nach der Pause bedroht von gefährlicher Beliebigkeit.
Monteverdis berühmte, dazu exzellent musizierte Tasso-Vertonung "Combattimento di Tancredi e Clorinda" oder Vivaldis "Festa Seneggiante" ("Feiernde Seine") blieben nah beim Thema.
Die protestantische Bekenntnismusik von Claude Goudimel oder Ambrosius Lobwasser indes lässt sich nur mit einiger Gewaltsamkeit auf Venedig beziehen. Nach Mozarts bekanntem "Türkischem Marsch" in Savalls geschickter Bearbeitung verlegte man sich dann mehr und mehr auf Fußnoten der Musikgeschichte wie die reichlich trivialen Beethoven-Arrangements von Luigi Bordèse (1815-1886).
Obwohl am Ende knapp 1300 Besucher begeistert von den Sitzen sprangen - Savall und seine Musiker hatten wohl gemerkt, dass sich das Konzert im Unbedeutenden verlieren würde.
Mit der Zugabe, Arvo Pärts wunderbar vielschichtigem "Da Pacem" von 2004, erreichten sie zum Glück wieder das ursprüngliche, überragende Niveau.