Kein Himmel auf Erden, aber ein paradiesischer Augenblick

Luxemburg · Ein Abend der Extraklasse: Mit begeistertem Applaus haben die 1000 Zuhörer Hélène Grimaud und das Gewandhausorchester Leipzig unter ihrem Dirigenten Riccardo Chailly in der Luxemburger Philharmonie belohnt.

Luxemburg. Wenn Hélène Grimaud das Adagio aus Maurice Ravels Klavierkonzert in G-Dur spielt, bleibt die Zeit stehen. Kaum wagt man zu atmen, um nicht den Zauber des Augenblicks zu stören und das feine Netz aus Tönen zu zerreißen, das die Pianistin auslegt. Grimauds Spiel nimmt einen aus der Zeit. Ganz bei sich und der Musik hingegeben sitzt sie am Flügel. Nur allzu gern lässt man sich mitnehmen von diesem zarten, traumverlorenen Spiel.
Es gibt Abende, da überwältigt einen geradezu die emotionale Kraft der Musik. Solch ein Abend war am Mittwoch in Luxemburg. Dorthin war gemeinsam mit der französischen Solistin das Gewandhaus-Orchester Leipzig und sein Dirigent Riccardo Chailly gekommen. Auf dem Programm stand neben Ravels Klavierstück Gustav Mahlers 4. Sinfonie in G-Dur, eine ausgesprochen intelligente Musikfolge. Was bei Ravel nur Spiel und pure Lust ist, hinterfragt Mahlers widersprüchliche Komposition.
Übermütig hatten Grimaud und das Orchester das Konzert begonnen. Dem ausgelassenen Klavier stellten sich gleich eingangs mutwillig Bläser und Trommeln entgegen. Ein wildes Spiel begann, bei dem die Pianistin mit rasanten Läufen, Jazzrhythmen und halsbrecherischen Figuren die Nase vorn hatte. Grimaud erschöpft sich indes nicht in Spiellust und technischer Brillanz. In ihrem Spiel wird Geist offenbar, selbst im virtuosesten Kunstück bleibt ihr Anschlag prägnant und planvoll.
Um Kindertraum und Kindheitsparadies geht es auch in Mahlers vierter Sinfonie. Riccardo Chailly hat aus dem Leipziger Orchester wieder einen großartigen Klangkörper mit ganz eigenem Charakter und erstaunlicher Wendigkeit gemacht. Warm erklingen die Holzbläser, leuchtend das Blech. Schön: der satte, dunkle Klang der Celli und die Streicher, deren Farben von erdig bis durchsichtig reichen. Hellwach und zupackend stand Chailly am Pult. Detailgetreu arbeitete er die Doppelbödigkeit der Sinfonie heraus. Mit seinem großartigen Gefühl für Rhythmus, melodischer Linie und Klangsinnlichkeit entfaltete er die Musik. Er machte die widersprüchliche Struktur mit ihren ironischen Brechungen wie die strenge Ordnung der Sinfonie hörbar und nahm ihr so alles vermeintlich Harmlose. er