Kein Schlüssel für die Tür zum Paradies

Kein Schlüssel für die Tür zum Paradies

TRIER. Mit einer eigenen Dramatisierung von Flauberts Roman "Madame Bovary" setzt das Trierer Schauspiel seiner Reihe herausragender Produktionen in dieser Spielzeit ein neues Glanzlicht auf.

Was für ein Wagnis! Die Idee, Flauberts Weltliteratur in bewegte Bilder umzusetzen, ist so alt wie der 1857 erschienene Roman. Dabei herausgekommen sind ein paar langweilige Filme, eine Handvoll gescheiterter Schauspiele und viele geplatzte Träume. Das Problem liegt auf der Hand: Wie bringt man die sprachmächtigen Beschreibungen Flauberts auf die Bühne, die filigrane Ausschmückung von Details, die Finessen seiner Menschenschilderung? Dass es in Trier gelingt, beeindruckend sogar, hat damit zu tun, dass Regisseur Karl Georg Kayser der Flut der Flaubert'schen Worte keine Flut der Bilder entgegensetzt. Die Mittel sind karg, aber effektvoll, symbolträchtig, aber nie überladen. Kleine Puppenhäuser, die von den Schauspielern bewegt werden, zeigen die dörfliche Enge der Provinzstadt Yonville, eine Schaukel steht für die unstillbare Sehnsucht nach dem Aufbruch - klare, verständliche Chiffren hält die Ausstattung von Ursula Wanderess bereit. Manchmal tickt auch einfach nur eine Uhr im Hintergrund, unmerklich Unbehaglichkeit verbreitend. Der ganze Flaubert aber spiegelt sich in der brillant ausgewählten Musik, in den wunderschönen Farben der Beleuchtung, in der ewigen Kreisbewegung der Drehbühne, den poetischen Filmsequenzen und vor allem in den Gesichtern von Claudia Felix und Klaus-Michael Nix. Sie: eine Ausbrecherin von Anfang an, zunächst hoffnungsvoll, dann immer stärker resignierend. Ihr unbändiger, aber zielloser Wille nach Veränderung, nach irgend einer Perspektive jenseits des Alltags-Miefs, frisst in ihr wie eine unheilbare, Körper und Geist vereinnahmende Krankheit. Emma Bovary nicht als blasses Opfer

Claudia Felix, ausgestattet mit einer atemberaubend unaufdringlichen, nie nachlassenden Bühnenpräsenz, zeichnet die Emma Bovary nicht als blasses Opfer. Sie kann auch provozieren, kämpfen, nerven. Sie wird nicht deshalb zur Außenseiterin, weil sie Träume von einem besseren Leben hat. Die haben der Apotheker, der Modewarenhändler und der Pfarrer im Dorf auch. Aber Emma klagt die Realisierung kompromisslos ein, will sich nicht auf kleine Fluchten beschränken. Eine Schneekugel von Paris reicht ihr nicht, sie will alles. Und daran geht sie kaputt. Ihr Mann Charles: Ein verzweifelt Liebender, dem das Format fehlt, so über sich hinauszuwachsen, dass er mit dieser Frau mithalten, ihr einen Lebensentwurf bieten könnte. Manchmal lässt sich der grandiose Klaus-Michael Nix von Emmas Fantasien anstecken, tanzt einen Moment lang mit auf dem Drahtseil der Träume. Aber nur, bis es ernst wird. Dann sucht er rasch das Biotop seiner gemütlichen Provinzialität. So angepackt, ist Flauberts Thema von erstaunlicher Zeitlosigkeit und braucht keine aufgesetzte Aktualisierung. Stattdessen kümmert sich Autor Peter Oppermann um das Konzentrieren und Verknappen. Es muss furchtbar viel weggelassen werden von der umfangreichen Vorlage, aber die Substanz bleibt unangetastet. Das Schauspiel liefert so wenig wie das Buch Erklärungen, Schuldige. Die blitzlichtartigen Szenen beleuchten ein schicksalhaftes Geschehen, Züge, die sich unaufhaltsam aufeinander zu bewegen und kollidieren müssen, weil niemand in der Lage ist, die Weichen umzustellen. Ausgesprochen gelungen ist die Sprache. Sie will nicht mit Flaubert konkurrieren, drängt sich nicht dazwischen, steht im Dienst der Handlung. Wo Oppermann Poesie braucht, leiht er sie sich bei Flauberts Originaltext oder bei Baudelaire. Es wird ohne Modernismen gesprochen, ohne manirierte Schwurbeleien. Das klingt einfach, setzt aber großes Können voraus, wie es der Trierer Chefdramaturg schon bei "Der Vogel ist ein Rabe" dokumentierte. Der erste Eindruck täuscht übrigens: Gerade die einfache Art zu spielen, erfordert ein Höchstmaß an Genauigkeit und handwerklicher Kunst. Was Regisseur Kayser dem vorzüglichen Ensemble (Verena Rhyn, Angelika Schmid, Michael Ophelders, Peter Singer, Hans-Peter Leu, Christoph Bangerter, Manfred-Paul Hänig, Jan Brunhoeber, Alexander Ourth, Tim Olrik Stöneberg) abverlangt, geht an Grenzen - auch für die Theatertechnik, was bei der Premiere nicht ganz zu übersehen ist.Beeindruckende Musikalität der Inszenierung

Ein entscheidender Faktor für das Funktionieren des Stücks ist die Musikalität der Inszenierung - nicht nur repräsentiert durch den Geiger Andras Magyar, der Emma und ihre Sehnsüchte begleitet. Wenn Claudia Felix vom "Schlüssel zum Paradies" singt, ahnt man, dass die Tür, die sie damit öffnet, doch nur zur Abstellkammer führt. Und Serge Gainsbourgs "Valse de Melody", anfangs ein Walzer in ein ungewisses Leben, kehrt am Ende als zynischer Totentanz wieder. Erst in der Nähe des Todes ist Emma fast unbeschwert - ob man das als Hoffnung interpretiert, bleibt dem Publikum überlassen, das sich mit intensivem Beifall für einen besonderen Abend bedankt. Vorstellungen am 22. Februar, 3., 7., 11., 15., 25., 31. März.

Mehr von Volksfreund