Kein Trost, nirgendwo

Kein Trost, nirgendwo

Bei der Fülle erbaulicher Events in Trier und Luxemburg ist es schon erstaunlich, wenn ein Konzert mit nachdenklichen Inhalten überhaupt zustande kommt. In St. Paulin in Trier wurde es Realität. Und erhielt mit Motetten von Adolf Kern eine zeitgeschichtliche Dimension.

Trier. Was mag Adolf Kern wohl beim Komponieren empfunden haben? Was mag den angesehenen Pädagogen, Dirigenten, Komponisten bewegt haben, vier Jahre vor seinem Tod Verse aus dem Buch Kohelet mit ihrer eigentümlichen Mischung aus Hedonismus, Weisheit und Fatalismus zu vertonen? Die sechs Motetten, die Kern, Vater des Trierer Musikalien-Kaufmanns Georg Kern, 1973 schrieb, sind jedenfalls ein beklemmendes Dokument von Zeit und Persönlichkeit.
Adolf Kern, Jahrgang 1907, gehört zu der Generation, die zweimal Krieg und Inflation erleben musste und die Nazidiktatur dazu. Wie in einem autobiografischen Resümee klingt in diesen Motetten an, was Kern durchlebt und durchlitten haben muss.
Die Musik illustriert Wortinhalte bildkräftig und ist kompositionstechnisch durchaus versiert. Und doch gleicht sie stilistisch einem zersprungenen Spiegel. Immer wieder greift Kern auf historische Satzmodelle, vor allem Bach und Brahms zurück, Einsprengsel aus einer vielleicht besseren Vergangenheit. Und die Dissonanzen, die der Komponist gerade da häuft, wo er auf seine persönliche Schreibweise zielt, diese Dissonanzen bringen etwas Unkontrolliertes und Verstörendes mit.
"Wir haben Respekt vor dieser Komposition": Dirigent Martin Folz und sein deutsch-luxemburgisches Projektensemble "Les Transfrontaliers" hatten Kerns Opus in den Mittelpunkt ihres Konzerts in der Trierer Pfarrkirche St. Paulin gestellt und bewältigten die zahlreichen Klippen der sperrigen A-cappella-Musik mit Bravour. Man mag über deren kompositorischen Rang streiten. Aber kein anderes Werk verbreitete an diesem Abend diese persönlich-zeitgeschichtliche Prägung - nicht die Spruchmotette "Mensch, werde wesentlich" von Johann Nepomuk David, nicht Bohuslav Martinus Jesaja-Vertonungen und nicht das klingende Gebet "Verleih uns Frieden" von Martin Folz. Kerns Musik ist anders - düsterer, nüchterner, unversöhnlicher. Sogar die Choralbearbeitung "Was Gott tut, das ist wohlgetan", mit der die Motettenreihe abschließt, hat das Bestätigende und Tröstliche des protestantischen Kirchenlieds aufgegeben. Sie klingt wie eine kraftlose Beschwörung. Es gibt keinen Trost. Nirgendwo.

Mehr von Volksfreund